Another Counry ©Victoria Tomaschko

Tee und Tulpe, Papier und Porzellan, Yoga und Algebra stammen aus anderen Kulturen; einer der großen Fortschritte in der europäischen Wissenschaft beruht auf der Übernahme des indischen Zahlensystems mit dem Symbol der Null im 12. Jahrhundert, welches uns durch arabische Wissenschaftler vermittelt wurde. Die Gegenwart einer Vielzahl von Denkfiguren beruht ebenso wie die von Waren, Techniken und Motiven auf Transferleistungen zwischen verschiedenen Kulturen. Mit diesem Phänomen kultureller „Kreolisierung“ setzt sich die neue Ausstellungsreihe Kulturtransfers der ifa-Galerien Berlin und Stuttgart auseinander, die mit der Ausstellung Another Country | Eine andere Welt eröffnet wird.

Begegnungen und transnationale Wanderungen nicht nur von Motiven, sondern auch von Techniken, Strategien und Ideen werden untersucht: Für Another Country | Eine andere Welt wählte die Kuratorin Övül Durmuşoğlu Arbeiten von sieben Künstlerinnen und Künstlern aus dem Nahen Osten, Europa und der Türkei sowie Nord- und Südamerika aus: Während Ashley Hunt (*1970, Los Angeles) mit Partnern vor Ort eine Weltkarte der Bewegungen und Grenzziehungen der Globalisierung erarbeitet, untersucht Dubravka Sekulić (*1980, Nis) die europapolitischen Hintergründe des European Song Contests. Javier Hinojosa (*1974, Mexico City) spürt in Fotoserien, Zeichnungen und Texten der Uniformität von Städten nach, Matilde Cassani (*1980, Domodossola) den religiösen Räumen nicht-christlicher Migranten in Europa. Köken Ergun (*1976, Istanbul) wiederum fokussiert in seiner Videoarbeit „Wedding“ Hochzeitsrituale in einer der größten türkischen Gemeinden Berlins.

In der Installation Lineal setzt sich Cevdet Erek (*1974, Istanbul) mit abstrakten und persönlichen Zahlenreihen und Zeitabschnitten von Null bis heute auseinander und spielt dabei auf einen der frühen Wissenschaftstransfers an; Jumana Manna (*1987, New Jersey/Jerusalem) hingegen setzt die Frage kultureller Transfers in einem Video um: Das Wallfahrtslied, ein Psalm des Alten Testaments, wird von Christen, Juden und Muslimen im Nahen Osten gesungen.

Die Kuratorin Övül Durmuşoğlu (*1978, Ankara) studierte Kunsttheorie in Istanbul und Malmö; sie kuratierte zahlreiche Projekte u.a. in Istanbul, Wien, Bergamo und Malmö und erhielt 2007 den italienischen Lorenzo Bonaldi-Preis für Nachwuchskuratoren. 2009/2010 ist sie Stipendiatin der der Akademie Schloss Solitude und der Alexander Rave-Stiftung am Institut für Auslandsbeziehungen e.V.

Veranstaltungen

Freitag, 22. Oktober 2010, 17:00
Führung / Werkstattgespräch mit der Kuratorin Övül Durmuşoğlu und Dubravka Sekulic´, Cevdet Erek und Jumana Manna

Donnerstag, 28. Oktober 2010, 19:00
Lange Schatten der Geschichte – Die deutschen Beiträge auf der Biennale in São Paulo mit Ulrike Groos und Sebastian Preuss
Vortrag in der Reihe: Kunst in Bewegung – Transatlantische Verflechtungen. Eine Vortragsreihe der ifa-Galerie Berlin und des Ibero-Amerikanischen Instituts zu aktuellen Themen internationaler zeitgenössischer Kunst. Begrüßung: Martin Eberts, Auswärtiges Amt, Leiter des Referats für die Auslandsarbeit deutscher Kulturinstitute; Elke aus dem Moore, Institut für Auslandsbeziehungen, Leiterin Abteilung Kunst.

Donnerstag, 13. Januar 2011, 19:00
Filmdokumente gegen Menschenrechtsverletzungen
Der Künstler Köken Ergun im Gespräch mit Ian White – Einführung von Övül Durmusoglu
B’Tselem, das Israelische Informationszentrum für Menschenrechte in den besetzten Gebieten, wurde 1989 gegründet, um die Menschenrechtssituation im Westjordanland und im Gazastreifen zu überwachen, zu dokumentieren und zu verbessern. Dort entstandenes Videomaterial steht im Fokus einer Diskussionsveranstaltung, die im Rahmen der aktuellen Ausstellung Another Country / Eine andere Welt in der ifa-Galerie Berlin stattfindet.
Das Zentrum B’Tselem, das seit 2007 am Camera Distribution Project teilnimmt, hat über 150 Videokameras an palästinensische Familien verteilt, die in den Konfliktgebieten leben. Experten unterstützen die Familien dabei, die täglich stattfindenden Fälle von Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren, die von militanten Siedlern oder Soldaten verübt werden. Das entstandene Videomaterial wird von Mitarbeitern vor Ort gesammelt und dient vor allem als Beweismaterial für Fälle, die B’Tselem an die Justizbehörden übergibt. Ein Teil der Aufnahmen wird darüber hinaus an internationale Nachrichtenmedien weitergeleitet.
Der Künstler Köken Ergun hat das Videoarchiv von B’Tselem gesichtet und Aufnahmen ausgewählt, die weniger unmittelbare Dokumentationen solcher gewaltsamen Konflikte sind, als vielmehr persönliche und unerwartete Momente zeigen. Diese Auswahl wird in verschiedenen Teilen der Welt in Form von Präsentationen und Diskussionen vorgestellt, zu denen Köken Ergun weitere Künstler und Wissenschaftler einlädt.

Im Rahmen der Ausstellung Another Country / Eine andere Welt wird Köken Ergun mit Ian White (Künstler und Kurator, Berlin/London) ein Gespräch über das Material führen. Die Kuratorin der Ausstellung, Övül Durmusoglu, gibt eine Einführung.

Sonntag, 7. November 2010, 11:00 – 13:00
KinderKunstProgramm10 Meter Sommerzeit, 5 Kilo Glück – Wir wagen eine andere Vermessung der Welt!
2 Morgen, 5 Skrupel, 11 Meter, 500 Lichtjahre, 60 Nanometer, 12 Tonnen oder 300 dpi: Seit Jahrhunderten vermessen Menschen die Welt – im Großen wie im Kleinen. Aber sind Zahlen wirklich das Maß aller Dinge? Lässt sich Lebenszeit messen? Wie viel wiegt ein Moment Glück? Die Künstler der Ausstellung Another Country / Eine andere Welt suchen nach neuen Wegen, Distanzen, globale Verhältnisse und Beziehungen sichtbar zu machen: mit bunten Kartographien und Messgeräten, Bildern und Melodien zeichnen sie ein neues Bild von der Welt. Im KinderKunstProgramm erforschen wir die Dimensionen ihrer Kunstwerke und finden eigene künstlerische Maßeinheiten für das, was uns wichtig ist. Nach Humboldt und Gauß wagen wir eine andere, kreative Vermessung unserer Welt! Ein offenes Angebot für Kiner ab 6 Jahren.

Über das KinderKunstProgramm:
Mit dem KinderKunstProgramm lädt die ifa-Galerie Berlin Kinder ab 6 Jahren ein, sich auf spielerische und kreative Weise Ausstellungen von Kunst, Design und Architektur aus anderen Kulturen anzunähern. Mit Kinderführungen, kreativen Erforschungen und künstlerischem Gestalten bauen wir Brücken zwischen den Kunstwerken der Ausstellung aus aller Welt und der Lebenswirklichkeit der jungen Besucher/-innen. Im „Atelier“ experimentieren wir mit verschiedenen künstlerischen Techniken und Materialien und bieten Raum für Wahrnehmung, eigenen Ausdruck und lebendigen Kulturaustausch.