Past –> Present #3
Podcast-Reihe zum 30. Geburtstag der ifa-Galerie Berlin mit Milica Tomić und Selma Selman

Past –> Present bringt künstlerische und kuratorische Positionen zusammen, die mit der ifa-Galerie seit ihrer Gründung 1991 verbunden sind. Ausgehend vom Programm der Galerie werde ich mit einer Gruppe von Gästen über das allgemeine Ethos und die Forschungsinteressen des ifa in den frühen 90er Jahren und heute sprechen. 

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von soundcloud.com zu laden.

Inhalt laden

Welche Bedeutung haben Kulturinstitutionen, die den künstlerischen und kulturellen Austausch fördern, wie das ifa, damals und heute – vor allem in Zeiten von zunehmendem Nationalismus und kultureller Isolation?

Im Gegensatz zu vielen anderen ehemals westdeutschen Kulturinstitutionen fokussierte sich die Galerie schon früh, in den 1990er Jahren, auf die Zusammenarbeit mit ost- und südosteuropäischen Künstler:innen und Kurator:innen. Wie haben sich künstlerische und kuratorische Ansätze und Arbeitsweisen verändert? Wie steht es z.B. um den öffentlichen Raum, der in Ost- und Südosteuropa stärker in die künstlerische Praxis miteinbezogen wurde? 

Fragen wie diese verbinden den Podcast mit Themen der Gegenwart und geben Kunst- und Kulturproduzent:innen eine Stimme, die irgendwann einmal mit dem ifa verbunden waren.

Ich bin Sandra Teitge, in Berlin geborene und lebende Kuratorin und Forscherin (researcher), und die Moderatorin dieses Podcasts.

Heute, in der dritten Folge von Past –> Present, freue ich mich sehr, die in Wien lebende Künstlerin und Leiterin des Instituts für zeitgenössische Kunst an der TU Graz Milica Tomić und die Künstlerin und Aktivistin Selma Selman, die derzeit in Amsterdam lebt, wo sie eine Residency an der Rijksakademie absolviert, zu begrüßen und ihnen das Wort zu erteilen. Die beiden werden sich über ihre jeweilige Arbeit mit und jenseits des ifa unterhalten; ihr Austausch wird von der Audioarbeit „Miss Kosovo“ des/der in Amsterdam lebenden Künstler*in Astrit Ismaili begleitet, bei der es sich um die Sound-Extraktion einer Performance handelt, die Astrit auf der letzten Athen-Biennale im September 2021 präsentierte und die auch als Bonustrack in voller Länge auf der Untie to Tie-Website verfügbar ist.

„Miss Kosovo“ ist das Alter Ego von Astrit Ismaili. Inspiriert durch den Übergang des Kosovo von einem Teil Jugoslawiens zu einem unabhängigen Staat, ist „Miss Kosovo“ eine fiktive Figur aus Astrits Pop-Operette „MISS“, die diesen Übergang repräsentiert und als Zeugnis intensiver körperlicher Erfahrung und Transformation fungiert.

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von soundcloud.com zu laden.

Inhalt laden

Milica Tomić wurde in den 1960er Jahren in Belgrad geboren, als Jugoslawien noch ein Land war, die sogenannte Sozialistische Föderative Republik (SFR) Jugoslawien. In ihrer Arbeit erforscht sie verschiedene Genres und Methoden der künstlerischen Praxis, die sich darauf konzentrieren, Themen im Zusammenhang mit politischer Gewalt, wirtschaftlichen Grundlagen und sozialer Amnesie zu untersuchen, freizulegen und öffentlich zu diskutieren. Milica hat an großen internationalen Ausstellungen teilgenommen, darunter die Biennale von São Paulo (1998), die Venedig-Biennale (2001/2003) und die Istanbul-Biennale (2003). Als Künstlerin, Forscherin und Dozentin hat sie an zahlreichen Projekten und internationalen Workshops teilgenommen, u. a. am Piet Zwart Institut, an der Sommerakademie Salzburg, an der Akademie der Bildenden Künste, Wien, Österreich, und im Rahmen des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.

Selma Selman gehört einer anderen Generation an als Milica. Sie wurde in den 1990er Jahren im neu gegründeten Bosnien und Herzegowina geboren und wuchs während des Jugoslawienkriegs als junge Frau mit Roma-Herkunft auf. Selmas Arbeit versucht, Identitäten, Klischees wie z. B. Staatenlosigkeit und generationenübergreifende Traumata neu zu interpretieren, insbesondere in Bezug auf Frauen. Sie versteht Kunst als ein transformatives Mittel, das in der Lage ist, diese Mechanismen der Marginalisierung zu bekämpfen und gleichzeitig die kollektive Emanzipation zu fördern. Selma ist Mitbegründerin der Organisation Get The Heck To School, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Roma-Mädchen zu stärken, die von der Gesellschaft ausgegrenzt werden und von Armut betroffen sind. Sie nahm am FutuRoma-Pavillon auf der Biennale von Venedig 2019 teil und hat unter anderem ausgestellt in: Kunsthalle Wien/AT (2020); Queens Museum, NYC/US (2019); Villa Romana, Florenz/IT (2019); Good Children Gallery, New Orleans/US (2016); Kunstquartier Bethanien, Berlin/DE (2016); Museum für zeitgenössische Kunst, Banja Luka/BA (2014).

ST: Willkommen Milica! Willkommen Selma! Ich freue mich sehr, dass Ihr beide aus Euren jeweiligen Heimatorten, Wien und Amsterdam, dabei seid. Es war gar nicht so einfach, einen Termin zu finden, der für alle passt, aber es hat geklappt! Ich freue mich ganz besonders, Euch beide hier bei mir zu haben, denn jede von Euch repräsentiert eine andere Generation von Künstler*innen aus dem ehemaligen Jugoslawien – das hatte ich schon in Euren Biografien angedeutet.

Ich möchte keine Geschichtsstunde erteilen, sondern nur kurz darauf eingehen, damit wir alle auf dem gleichen Stand sind: Jugoslawien, angeführt von Tito, war ein ziemlich faszinierendes Land – vor allem für mich, die ich in der ziemlich rigiden und von Moskau kontrollierten Deutschen Demokratischen Republik (DDR) geboren wurde – und Jugoslawien war das einzige Land im Ostblock, das einen marktwirtschaftlichen Sozialismus („Laissez-faire-Sozialismus“) praktizierte und außerdem eines der Gründungsmitglieder der Bewegung der Blockfreien Staaten war (ein Forum von Staaten, die sich nicht formell mit oder gegen einen großen Machtblock verbünden, also neutral sind).

Milica, wie bereits erwähnt, wurdest Du in Belgrad in der Sozialistischen Republik Serbien – und Hauptstadt Jugoslawiens – geboren, als die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien noch ein einigermaßen funktionierendes Land war (Tito starb 1980… und damit begannen ethnische Spannungen, die schließlich zum Auseinanderbrechen der Region führten); Selma, du wurdest 1991 geboren, kurz bevor die Sozialistische Republik Bosnien und Herzegowina unabhängig wurde und schließlich einfach Bosnien und Herzegowina.

Ich bin also neugierig darauf, wie sich diese Geschichte in Euren Arbeiten widerspiegelt, insbesondere in den Werken, die Ihr im Rahmen der ifa-Ausstellungen gezeigt habt und zeigen werdet.

Nochmals vielen Dank, dass Ihr Euch Zeit genommen habt, mit mir und dem ifa für diesen Podcast zu sprechen. 

In der Einleitung habe ich bereits kurz Eure beiden ifa-Beteiligungen erwähnt. 

Milica, wenn wir mit Dir beginnen könnten. Könntest Du ein wenig über Deine Beteiligung an der ifa-Ausstellung „Fokus Belgrad – Fragmente serbischer Kunst und Kultur“ sprechen, die 1998 in der ifa-Galerie in Berlin stattfand? Vielleicht könntest Du darüber sprechen, wer Dich eingeladen hat, welche Arbeiten Du gezeigt hast, wie der Kontext war und woran Du Dich erinnerst?

MT: Ja, vielleicht ist es interessant, diesen Moment zu beobachten, den Titel der Ausstellung, der „Fokus Belgrad“ lautete und dann, wie Du sagtest, „Fragmente“, und dass er sich dann auf Serbien bezieht. Sie wurde von Bojana Pejić organisiert. Sie war die Kuratorin, zusammen mit Dejan Sretenović, der damals als Kurator am Zentrum für Zeitgenössische Kunst arbeitete, das eigentlich zur Soros-Stiftung gehörte. Und er war in Belgrad tätig. Es war also tatsächlich ein sehr heikler Moment. Es war ’98, als der Kosovo-Krieg begann, aber das war noch vor den NATO-Bombardements. Aber jetzt möchte ich etwas zu dieser Ausstellung sagen und vielleicht auch meine Arbeit erklären, die dort zu sehen war. Es handelte sich also um eine Arbeit, die ich ’96 gemacht habe. Es war eine Arbeit über ein Massaker im Kosovo, das ’89 stattfand. Und das war der Moment, in dem die Verfassung Serbiens geändert wurde. Und das war der 28. März. Und es war eine neue Verfassung, die die Souveränität zweier unabhängiger Teile übernahm, die Teil Serbiens waren, aber ihre Souveränität und eine andere Art von selbstbestimmtem Status hatten. Es handelte sich um den Kosovo und die Vojvodina. In diesem Moment verloren sie also diese Möglichkeit und die Souveränität. Im Kosovo kam es zu anhaltenden Demonstrationen, etwa drei Tage lang. Es war eine sehr friedliche Demonstration von Studierenden, von Menschen, die gegen den Verlust der Souveränität waren. Und 33 Menschen wurden getötet, Männer und Frauen, und das wurde nie veröffentlicht. Und es ist immer noch nicht veröffentlicht. Als ’96 die Demonstrationen in Belgrad gegen die Regierung Milosevic begannen, hatte ich das Gefühl, dass dies der richtige Zeitpunkt ist, um über den Kosovo zu sprechen. Und es gab Demonstrationen gegen Milosevic und seine Regierung. Und es war der Moment, in dem es zum ersten Mal, von ’89 bis jetzt, bis zu diesem Moment im Jahr ’96, keine Demonstrationen in solchen Massen gab und nicht so viele Menschen auf der Straße waren wie in diesem Moment. Ich nahm Kontakt mit meinen Freunden aus dem Kosovo auf, die mir Unterlagen über diese Menschen schickten, die getötet wurden. Davor habe ich jahrelang versucht, den Kontext und die Art und Weise zu finden, wie ich darüber sprechen könnte. Und parallel dazu wurde ich zu einer Ausstellung in diesem Zentrum für zeitgenössische Kunst eingeladen, das eigentlich zur Soros-Stiftung gehörte. Und ich plante eine andere Arbeit. Aber in diesem Moment, als ich mich umdrehte und nach Hause ging, fing ich an, daran zu arbeiten, alle Informationen über die Menschen zu sammeln, die getötet wurden, und dann meine Kolleg*innen einzuladen, sie aufzunehmen. Und ich habe die Kleidung rekonstruiert, die ich auf den Identitätsbildern gefunden habe, weißt Du, nur Fotos von Menschen, die getötet wurden, aber nicht als lebende Personen, weißt Du, wie von Personalausweisen und Pässen. Und ich habe ihre Kleidung gesammelt und rekonstruiert. Und ich lud meine Kolleg*innen ein, in diese Kleidung zu schlüpfen, und nahm diesen Moment auf, in dem wir mit dem Teil Serbiens in Verbindung gebracht wurden, von dem sie nichts wissen wollten. Ich nannte die Arbeit XY ungelöst – Rekonstruktion eines Verbrechens“, was sich eigentlich auf diese deutsche Show bezieht, die in den 70er Jahren, als ich ein Kind war und in Deutschland lebte, so beliebt war. Ich war damals mit meiner Großmutter, die Gastarbeiterin war, in Deutschland, in Frankfurt. Und als ich dort ein Kind war, gab es viele Demonstrationen auf den Straßen; das war in den Jahren ’68 und ’69. Und diese Show war sehr populär, wirklich. Und die ganze Arbeit war dazu gedacht, eine Kommunikation zwischen uns herzustellen, und dass das, was passiert ist, verborgen ist. Und sie sollte nur in Belgrad stattfinden, weil ich nicht dachte, dass ich ein größeres Publikum als die Leute erreichen könnte, die zu der Ausstellung kamen und Teil dieser [xxx] waren, denn es waren 33 Leute. Und zu dieser Zeit war diese ganze Kunstszene irgendwie auch von den staatlichen Institutionen isoliert. Es gab also ein paralleles, sagen wir mal, Leben in der Kunst zu der Zeit. Und meine Idee war eigentlich nur, eine Beziehung zwischen dem Tod und dem, was so brutal von unserem Bewusstsein und der Öffentlichkeit abgeschnitten ist, herzustellen. Ja, das war also diese Arbeit.

MUSIK

Und in dem Moment, als die Arbeit im Ausland gezeigt wurde, kam ich nach Berlin zu dieser ifa-Ausstellung, direkt von der São Paulo Biennale. Und das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass diese Arbeit in einem anderen Kontext gezeigt wird. Und die ganze Interpretation von dem, was wir gemacht haben und was ich gemacht habe, wurde dann natürlich ganz anders interpretiert, sagen wir mal. Und diese Dekontextualisierung eines intellektuellen Kontextes war für mich, sagen wir mal, der erste Moment dieses Wunsches, zu arbeiten und einen Kontext zu schaffen, von dem aus ich sprechen kann, der die Arbeit tatsächlich begleitet.

ST: Ich denke, das hat wahrscheinlich auch in Berlin ganz gut funktioniert, oder? Ich bin ja in Berlin aufgewachsen und erinnere mich, dass in den 90er Jahren viele Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien – wegen des Krieges – nach Deutschland und auch nach Berlin kamen. Ich könnte mir vorstellen, dass die Ausstellung ziemlich gut aufgenommen wurde und auch auf Verständnis gestoßen ist.

MT: Ja, ja, natürlich. Und es war vielleicht eine der seltenen Situationen, in denen die Rezeption und die Art und Weise, wie sie diskutiert wurde, ziemlich tiefgehend war. In gewisser Weise gab es auch den Wunsch, den Kontext und den Rahmen der Ausstellung zu verstehen, und wie sie interpretiert werden sollte. Was wir vielleicht oft vergessen, ist, dass gerade die Zeit Anfang der 90er Jahre – ich war nicht dabei; meine Arbeit bezog sich eher auf das Ende der 90er Jahre und das Jahr 2000 – aus der Sicht der westeuropäischen und der westlichen Kunstwelt sehr kolonialisiert war. Und wir waren uns dessen damals noch nicht so sehr bewusst. Meine einzige Sorge war, wie ich mich und meine Arbeit dort platzieren konnte und was ich dort einbringen konnte und welche Art von Aussagen ich machen konnte und wie ich meine Arbeit präsentieren konnte. Wenn der Titel zum Beispiel „Osteuropa dies“, „Osteuropa das“ oder „Balkan“ lautete, oder all diese Arten der Darstellung, die sich um Mitteleuropa, Osteuropa und den Balkan drehten. Und Jugoslawien war zu dieser Zeit ein „schmutziges“ Wort. (Ich sage ein schmutziges Wort unter, Du weißt schon, Anführungsstrichen). Aber es war ein Wort, das nicht geschätzt wurde, es wurde nicht geschätzt bis Mitte oder Anfang, ich weiß nicht, 2010. Es war nie Thema, weißt Du.

ST: Aber Du meinst, im Westen oder bei den Menschen im ehemaligen Jugoslawien?

MT: Ich könnte beides sagen. Denn in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens gab es all diese Länder, die eigentlich neu gegründete Staaten waren; sie mussten eine neue Geschichte konstruieren. Auf der anderen Seite gab es auch Europa, das all diese neu gegründeten Länder in einen anderen Kontext stellen wollte. Und dieser Kontext, die erste Idee war eigentlich „Aha: Balkan und östliche, ehemalige osteuropäische Länder“. Es wurde also auf diese Art und Weise aufgebaut; sie mussten diese neue Art von Beziehungen aufbauen. Aber wir waren immer noch Teil der jugoslawischen Kultur. Und wir gehörten immer noch zur gleichen Sprache oder zu drei verschiedenen Sprachen oder sogar mehr, denn es gab auch Minderheiten und auch verschiedene Sprachen. Aber diese drei Mehrheitssprachen waren Teil derselben Kultur und desselben Bildungssystems, weißt Du, und das war eigentlich Teil unserer… all diese Künstler*innen versuchten eigentlich, unsere Beziehungen sichtbar zu machen, weißt Du. Alle meine Arbeiten, die überall gezeigt wurden, wurden immer aus dem Kontext heraus in diese neue Art der Artikulation des Kontexts gebracht, aus dem sie stammen. 

MUSIK

SS: Darf ich eine Frage stellen? 

ST: Ja, natürlich. 

SS: Also Milica, ich erinnere mich an Deine Arbeit, die Du, glaube ich, in Österreich gemacht hast. Das war eine Performance mit dieser berühmten Volkssängerin, ich glaube, Dragana. Und ich wollte Dich immer fragen, wie die Leute auf diese Arbeit reagiert haben, und wie sie diese Arbeit in Bezug auf Jugoslawien verstanden haben, weil Du diese Arbeit nach dem Zerfall Jugoslawiens gemacht hast. Und dann waren alle Menschen zusammen, wie alle Menschen, die im ehemaligen Jugoslawien leben. Wann hast Du diese Performance gemacht? 2000 irgendwas, richtig. 

MT: Nein, 2000. 

SS: Das ist also unmittelbar nach dem Krieg und allem, was passiert ist, dem Zusammenbruch. Ich bin also sehr neugierig auf Deine Meinung. Wie ist das, alle Menschen wieder zusammenzubringen? Ich weiß nicht, wer die Leute waren, die zu dem Konzert kamen. Aber weißt Du, wenn man so ein Konzert macht, wo normalerweise diese Art von Leuten nie kommen würde … Aber sie sind gekommen, um die Sängerin zu sehen. Aber dann hast Du sie irgendwie, ich würde sagen, dazu gebracht, zusammenzukommen, um das Konzert zu hören?

MT: Ja. Es ging um die spezielle Musik, die man Turbo-Volksmusik nannte. Und es war eigentlich ein Teil der Turbo-Folk-Kultur, die es überall gab; das war eine andere Phase des Kapitalismus. „Turbo“, weißt Du; es gab „Turbo-Diesel“, es gab „Turbo Staubsauger“, weißt Du. Es gab all diese Dinge, die eine neue Phase des Kapitalismus ankündigten. Und es gab eine wirklich große Ausstellung in Wien, als Teil der Wiener Festwochen. Das war ein Teil davon, um genau zu sein. Meine Arbeit hieß “you are the world” [„Du bist die Welt“] mit kleinen Buchstaben. Und das bedeutete: „Du bist die Welt, aber du kannst nicht teilnehmen.“ Die Frage war also, was sind diese globalen Tendenzen, die lokale Teile beeinflussen und die nie auf die internationale Kommunikationsebene kommen oder sie sind nicht Teil der globalen Kultur, aber sie werden von der globalen Kultur beeinflusst. Für mich war das Turbo Folk ein perfektes Beispiel dafür. Turbo Folk war während des Krieges die wichtigste Popkultur, weißt Du. Aber meine Absicht war eigentlich auch, dies in Frage zu stellen. Ich dachte nämlich, dass das Wichtigste ist, dass sich die Universität nicht verändert hatte, dass sich das Theater nicht verändert hatte. Es waren dieselben Leute, die diese Institutionen leiteten. Also habe ich einen der populärsten Sänger der damaligen Zeit nach Wien eingeladen, zu dieser Ausstellung. Und die hieß: “This is contemporary art.” [„Das ist zeitgenössische Kunst.“] Es war eine Art delegierte Performance, nur ihre fünf Lieder, die sie sang, das war die Performance. Und sie druckte ungefähr, ich weiß nicht, 5000 Plakate in der ganzen Stadt. Und es kam eine riesige Gruppe von Leuten, die eigentlich Gastarbeiter*innen in Wien waren, aus ganz Jugoslawien. Denn diese Musik ist immer noch ein Amalgam für die gesamten ehemaligen jugoslawischen Länder, sie ist immer noch Teil derselben Kultur. Und diese Kultur, die Turbo-Volkskultur, ist irgendwie die einzige, die das jetzt wirklich für ein breiteres Publikum repräsentiert.

SS: Sie bringt die Menschen zusammen.

MT: Ja, sie bringt die Menschen zusammen. Und meine Idee war eigentlich, in Wien Menschen einzuladen, die im öffentlichen Raum nicht vertreten sind. Ihre Anwesenheit war also ein Moment, um irgendwie diese Menschen anzusprechen, die unsichtbar sind, in all diesen Jobs; und ich weiß, dass sie immer noch so stark mit ihrem Zuhause verbunden sind, weißt Du, und …

ST: Oft stärker als Menschen, die noch in dem besagten Land leben. 

MT: Ja, natürlich. Und das war auch ein interessanter Moment, als das globale Fernsehen anfing, wie die Satellitenprogramme, dass die Diaspora ein globales Thema war; sobald das Turbo-Volk eine globale Verbindung für jeden war, der die Sprache verstehen konnte, weißt Du. Und das Unglaublichste war, dass auch während des Krieges Menschen im Krieg waren, die aus verschiedenen Regionen kam, aber dieselbe Musik hörten. Das war also auch während des Krieges etwas, das die Menschen verband. Zu dieser Ausstellung kamen also viele Leute aus ganz Wien und außerhalb Wiens, die Gastarbeiter*innen waren oder auch nicht, ich weiß es nicht, die vielleicht zum ersten Mal ins Museum kamen, weil sie einen Bezug dazu hatten, und dann auch andere Arbeiten sehen wollten. Aber sie wurden, sie wurden angesprochen. Jemand hatte sie eingeladen, dorthin zu kommen. Das Publikum bestand also aus Künstler*innen, aus Menschen, die sich für zeitgenössische Kunst interessierten, und aus Menschen, die daran interessiert waren, diese Kunst in einer anderen Umgebung zu hören, nicht in einem Club oder in einem Turbo-Folk-Konzert, das nur für Kroat*innen, Serb*innen oder Bosnier*innen bestimmt war. Aber als diese Performance während der Eröffnung stattfand, waren alle zusammen dabei. 

MUSIK

ST: Das ist eine gute Überleitung zu der Ausstellung, an der Du teilnimmst, Selma, denn sie heißt EVROVISION, die, wie ich annehme, sich auf diesem Gesangswettbewerb bezieht, richtig? Sie heißt „EVROVIZION.CROSSING STORIES AND SPACES“ und wird auch vom ifa organisiert. Und die aktuelle Ausgabe findet in Novi Sad statt, genau, von wo Du heute Morgen gerade gekommen bist. Und davor war sie in Sarajevo?

SS: Ja. Die erste war in Sarajevo; die Eröffnung von EVROVIZION.

ST: Ja. Und sie wird nach Athen, Tiflis, Nikosia und an viele andere Orte reisen. 

Selma, könntest Du bitte über die Arbeiten sprechen, die Du in dieser Ausstellung EVROVISION zeigst? 

SS: Sicher. Nun, ja, ich arbeite seit letztem Jahr mit dem ifa zusammen. Ich stehe also noch ganz am Anfang.  Ich habe mit Sabina Klemm und Sanja Kojić Mladenov zusammengearbeitet. Ich weiß nicht, für mich ist das eine wirklich großartige Gelegenheit, denn ich mag das Konzept von EVROVISION sehr, weil wir in den nächsten sieben Jahren um die ganze Welt reisen werden, um auszustellen und neue Arbeiten zu machen. Meine ursprüngliche Idee für die Ausstellung in Sarajevo war es, etwas ganz anderes zu machen. Aber leider klappte das aus Zeitgründen nicht. Ich realisierte also ein anderes Projekt: eine ständige Sammlung in meinem Haus. Meine Idee war es, die Kindheit meiner Mutter zu rekonstruieren. Ich bin also mit der Idee an sie [ifa-Kuratorinnen] herangetreten, das Traumzimmer meiner Mutter nachzubauen. Meine Mutter hatte nie eine Kindheit; sie wurde sehr jung verheiratet, mit 12 Jahren. Vom ersten bis zum 12. Lebensjahr hatte sie also nie das Gefühl, wie es ist, ein Mädchenzimmer zu haben. Und ich dachte mir, okay, ich werde dieses Interview mit meiner Mutter führen und das Zimmer zeichnen, das sie sich vorstellt. Und nach der Zeichnung habe ich den 3D-Druck gemacht. Als ich dann anfing, mit ifa zusammenzuarbeiten, und ihnen von dieser Idee erzählte, sagten sie: „Okay, wir werden das Zimmer produzieren.“ Für meine Mutter war das wie ein wahr gewordener Traum. Und wir haben diesen Raum gebaut, und er existiert jetzt. Aber leider konnten nur Leute, die nach Bihac kamen, das Werk sehen. Für die Ausstellung in Sarajevo und Novi Sad habe ich ältere Arbeiten wie „You Have No Idea“ und „Viva la Vida“ gezeigt und die Arbeit mit meiner Mutter, „Do Not Be Like Me“, nur einen Teil des Raums. Für Athen bereite ich etwas völlig anderes vor, das eher universell ist und mit meinen älteren Arbeiten mit Metallschrott und der Auflösung verschiedener Objekte zu tun hat. Ich bin also gerade dabei, den Vorschlag zu schreiben und mit den Kuratorinnen zu sprechen. 

ST: Und sind es immer nur die Kuratorinnen des ifa, die vermitteln, oder arbeiten sie auch mit den Menschen vor Ort zusammen?

SS: Sie arbeiten mit den Leuten in der jeweiligen Institution zusammen, in der die Ausstellung stattfinden wird. Das ist sozusagen die Ausgangsidee, und sie laden auch die Künstler*innen aus dem Land ein, in dem wir die Ausstellung zeigen werden. Wenn es also Sarajevo ist, dann sind die Hauptkünstler*innen einheimische Künstler*innen; wenn es in Athen ist, dann Künstler*innen aus Griechenland. So läuft das also. 

SS: Der Kontext ändert sich also immer mit dem jeweiligen Ort. Du arbeitest auch viel mit Performances, auch draußen, im städtischen und öffentlichen Raum. Vielleicht können wir über dieses Thema ein wenig sprechen, Kunst im öffentlichen Raum. Auch, weil es im ehemaligen Ostblock ein recht, sagen wir mal, beliebtes Medium von Künstler*innen war, Performances oder Aktionen im Freien zu machen. Vielleicht könnten wir, oder Ihr beide, aus Eurer eigenen Perspektive darüber sprechen, was die Dringlichkeit in der Zeit vor den 90er Jahren war, Milica, aus Deiner Perspektive, … und wie es sich jetzt verändert hat, und wie es vielleicht auch anders ist, wie Ihr das anders erlebt habt, je nachdem, wo Ihr gelebt habt. Denn Selma, Du hast eine Zeit lang in den USA gelebt, jetzt bist du in Amsterdam. Milica, Du lebst in Wien. Könnten wir darüber ein wenig sprechen? 

SS: Ich bin eigentlich ein Nachkriegskind. Ich erinnere mich also nicht an Jugoslawien. Ich habe nur diese… Ich hatte diese Gespräche mit meiner Familie und mit älteren Freund*innen, die mir erzählten, wie sehr sie Jugoslawien liebten. Für mich ist es einfach ein utopisches Land, in dem alles in Ordnung war. Aber auf der einer anderen Seite kenne ich viele Geschichten, in denen nicht alles in Ordnung war. Und natürlich ist meine Arbeit davon inspiriert. Es ist eine Reaktion auf den Zusammenbruch von Bosnien, aber auch auf die aktuelle Situation, in der wir leben. Und der Grund, warum ich angefangen habe, Performances zu machen, obwohl ich vorher gemalt habe, ist, dass ich das Gefühl hatte, dass ich mit Performance wirklich mit den Menschen in Kontakt treten kann. Und es geht nicht darum, eine Botschaft zu vermitteln. Es ist eher so, dass ich die Kunst als ein Mittel benutze, um die Wahrheit zu sagen. Und für mich funktioniert das wirklich. 

ST: Aber Du hast schon an verschiedenen Orten performed, in den USA, Europa und Bosnien … auch in Bosnien? 

SS: Ja, ich habe Bosnien verlassen, als ich nach Banja Luka ging, um dort zu studieren; 2010 ging ich nach Budapest. Ich habe Soziologie und Anthropologie studiert. Dann ging ich zum Studium in die Vereinigten Staaten. Letztes Jahr hatte ich dann meine erste Solo-Show in Bosnien, wo ich zum ersten Mal überhaupt performte. Und um ehrlich zu sein, war es sehr anders; es war das Schwierigste, was ich je tat. Normalerweise dauern meine Performances sehr lange, 30 bis 45 Minuten, aber dieses Mal war es einfach, ich weiß nicht, es war zu viel. Ich glaube, die Leute würden zu viel von mir erwarten. Und ich hatte solche Angst, sie irgendwie zu enttäuschen, weil ich aus diesem Land komme. Und ich ging weg, als ich noch ein Niemand war. Aber als ich dann zurückkam, war ich eine öffentliche Person. Es war also immer dieser Druck, ob ich jemanden enttäuschen würde. Und natürlich ist auf dem Balkan jeder 100% kritischer gegenüber der Kunst als im Westen, wo ich einfach nett über mich selbst sprechen konnte. Und jeder würde sagen: „Du bist toll“. Aber der Balkan ist sehr rau, weißt Du. Man muss beweisen, warum man gut ist. Das ist also der Unterschied. 

MUSIK

MT: Selma, ich habe eine Frage. Warum glaubst Du, dass es diesen Unterschied gibt? 

SS: Warum gibt es den Unterschied… Ich glaube, wegen der Ausbildung, die wir bekommen haben. Denn ich erinnere mich, als ich an der Akademie studierte, waren meine Professor*innen sehr streng. Wir hatten also diese Autorität: Der/die Professor*in ist hier, der Studierende ist hier; man musste zuhören. Aber als ich in den Vereinigten Staaten studierte, war ich dem/der Professor*in gleichgestellt. Ich konnte sagen, was ich denke; ich konnte kritisch darüber nachdenken… Ich konnte eine Meinung haben. Und ich würde nicht sagen, dass ich diese Möglichkeit, die Wahrheit zu sagen, nicht hatte, als ich in Banja Luka studierte. Es ist nur die Tatsache, dass ich eingeschränkt war, auch durch die Informationen, die ich bekam. Ich weiß also nicht, vielleicht sind die Menschen verletzlicher. Aber sie wissen auch mehr, um ehrlich zu sein. Ich könnte sagen, dass ich durch die Akademie in Banja Luka sehr viel Wissen erworben habe. Vielleicht ist das der Grund dafür. 

ST: Und Du Milica, hast Du irgendwelche Gedanken oder Beobachtungen zu diesem Thema: Kunst und öffentlicher Raum? 

MT: Ja, weißt du, Sandra, es ist eine große Frage, was ist öffentlicher Raum? 

ST: Ich weiß, ich weiß. Deshalb habe ich städtischen/urbanen Raum anstelle von öffentlichem Raum verwendet. Denn das spiegelt die Frage nach der „Öffentlichkeit“ wider. 

MT: Ja, das ist es. Für mich geht es also mehr darum, das zu erforschen. Und zu verstehen, was eigentlich dahinter steht. In dieser Hinsicht, sagen wir mal, kann man vielleicht an all diese Ausstellungen denken, die in diesen ehemaligen Ländern oder ehemaligen Republiken Jugoslawiens, den heutigen neuen Staaten, gemacht wurden. Es ging viel um den öffentlichen Raum, weißt Du. Und man könnte sagen, dass es manchmal darum ging, einen neuen Raum zu schaffen, einen neuen öffentlichen Raum, der sich auf etwas bezieht und etwas übersetzt, das im jugoslawischen Kontext stand, und zwar in den neuen Kontext der spezifischen Nationalstaaten, also Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina – das ist vielschichtiger. Und sie hatten auch die große Chance, nicht einen festen Nationalstaat zu haben. Aber sie haben auch eine andere Art von geteilter Gesellschaft, nämlich eine Gesellschaft, die ethnifiziert ist und keine andere Möglichkeit hat. Die Ausstellung im öffentlichen Raum war also ein Aufruf zu einer Gesellschaft, die außerhalb der ethnischen Teilung nicht existiert. So sehe ich das. Und ich denke, ich muss mich auf Dunja Blazevic beziehen, wenn wir über die 80er und 2000er Jahre sprechen, die wirklich darauf bestand, dass all diese Kunst im öffentlichen Raum stattfinden muss und nicht mehr in den Galerien, in den Räumen, die als Kunsträume gedacht sind. Ich denke also, dass dies ein interessanter Kontext ist. Und in anderen Ländern, weißt Du, habe ich international ausgestellt und sehr oft auch im öffentlichen Raum gearbeitet. Ich denke, in dem Moment, in dem wir das, was man als öffentlichen Raum bezeichnet, verlieren, ist es eigentlich ein Anspruch auf etwas, das sich auf die Öffentlichkeit bezieht und das analysiert werden muss. Manchmal ist es ein Anspruch auf öffentlichen Raum, der immer noch existiert, auch wenn er privatisiert und von dem, was er vorher war, entfernt wird. Und es ist interessant, über diese Teilung zwischen Osteuropa und Westeuropa nachzudenken. Für mich ist es ein größerer Unterschied in den westlichen Ländern, den europäischen Ländern, zwischen den 70er Jahren und heute, also in der Zeit des Kalten Krieges. Diese Teilung war nicht so groß wie heute, wenn man zurückblickt.

ST: Wegen der Veränderungen in der Privatisierung, der Entwicklung.

MT: In allem, in der Wirtschaft, in der Art und Weise, wie wir leben, wie der Fortschritt des so genannten Kapitalismus diese Spaltung noch verstärkt hat. Und ich denke, dass die ganze Idee von Kunst im öffentlichen Raum immer damit zusammenhängt. Oder man hat die Idee, einen öffentlichen Gegenraum zu schaffen, der nicht existiert, aber man schafft ihn durch seine Kunstwerke, durch Ausstellungen. Oder man beansprucht etwas, das Teil der Konstruktion eines neuen Kontextes ist. Ob es sich dabei um das ehemalige Jugoslawien handelt oder um neue Nationalstaaten, sagen wir mal, oder um andere soziopolitische und wirtschaftliche Veränderungen in Europa, Du weißt schon. Und für mich ging es bei der Arbeit mit Gruppen, mit der Monument Group, darum: einen öffentlichen Gegenraum zu schaffen, in dem wir über das sprechen können, was versucht wird zu vermeiden, und das ist tatsächlich [für] eine Post-Genozid-Gesellschaft.

ST: Und das machst Du auch innerhalb von Institutionen, nicht nur außerhalb?

MT: Ja, aber wenn wir über öffentliche Räume sprechen, heißt es nicht „drinnen und draußen“.

ST: Ja, sicher. Weißt Du, ich habe viel darüber nachgedacht, weil ich in den Vereinigten Staaten gelebt habe. Und ich habe viele Performances oder Aktionen, wie auch immer man es nennen will, außerhalb des institutionellen Raums organisiert, der allgemein als öffentlicher Raum bezeichnet wird. Aber das ist er in den Vereinigten Staaten eigentlich überhaupt nicht. Und für mich stellte sich immer wieder die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, etwas außerhalb eines institutionellen Raums zu tun. Oder ob es – speziell in den USA – weniger kontrolliert oder offener, zugänglicher oder interventionistischer ist –weil es so kontrolliert wird– da es im privaten Raum stattfindet, dass man es genauso gut in einer Institution machen könnte, um möglicherweise zugänglicher zu sein. Weißt Du, was ich meine? Ich glaube, es ist sehr komplex. 

MT: Ja, ich weiß, was Du meinst, aber ich bin mir nicht sicher. Bei der heutigen Situation rund um die COVID-Verordnungen sehen wir, dass es eigentlich nie so war. 

MUSIK

ST: Ich denke, Du hast völlig recht. Auch was Du vorhin über diese Verschiebung sagtest, hat nicht so sehr mit Ost und West zu tun, sondern mit der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung und der Verlagerung zur Privatisierung, wenn es um den öffentlichen Raum geht. Es gibt kaum noch öffentlichen Raum, oder der öffentliche Raum wird immer kleiner, überall, wo man hinkommt. Und wahrscheinlich ist das in den ehemaligen Ostblockländern sogar noch stärker der Fall als in den ehemaligen westlichen Ländern, weil dort ein neoliberaler Turbo-Umbruch stattgefunden hat.

Selma, hast Du damit irgendwelche Erfahrungen gemacht? Oder irgendwelche Gedanken dazu? 

SS: Ja, aber ich möchte Euch nicht unterbrechen. Ich komme aus dieser anderen Perspektive, in der ich viele Performances im öffentlichen Raum gemacht habe, aber auf eigene Faust. Denn viele Institutionen würden mich nicht unterstützen, weil meine Arbeit zu gefährlich für die Gesellschaft wäre, richtig. Also musste ich die Verantwortung für alle meine Performances übernehmen, zum Beispiel, als ich den Mercedes zerstörte. Sie gaben mir also den Platz draußen [und sagten], „Du bist verantwortlich, wenn er in die Luft fliegt“. Ich sagte: „Okay, kein Problem. Ich mache das jeden Tag, es wird nicht explodieren.“ Und dann erinnere ich mich, als ich eine Performance in Österreich in der Kunsthalle machen sollte, habe ich auch gefragt, ob ich den Mercedes draußen mit meiner Familie zerstören kann. Sie sagten: „Wir können [das Auto] nicht mitten im Museum aufstellen, weder drinnen noch draußen… oder wir könnten es draußen aufstellen, aber wir müssen einen Zaun drum herum bauen.“ Und ich sagte: „Ich bin kein Tier, das in einen Zaun gehört. Ich habe also immer diese Probleme. Und für die documenta dieses Jahr wollte ich einen Privatjet zerstören. Aber sie sagten, dass die Regierung mit dieser Performance einverstanden sein muss. Und ich dachte mir: „Okay, was ist Kunst heute?“ Ich denke, die Kunst selbst ist zu privat geworden. Denn wenn man an die Museen und Galerien denkt, ist alles zu kommerziell. Alles dreht sich um ein bestimmtes Publikum, sogar die Arbeit draußen, die öffentlichen Räume, die Werke, die sich mit Aktivismus befassen. Bei Aktivismus geht es nicht mehr um Aktivismus. Es geht um soziale Medien. Es geht darum, wer mehr Likes bekommt. Das ist also die Welt, in der wir jetzt leben, leider. Und um ehrlich zu sein, habe ich in letzter Zeit keine guten Arbeiten im öffentlichen Raum gesehen, weil alles zu kapitalistisch geworden ist, weil wir jetzt so sind. Und leider sind wir als Künstler*innen von dieser Kunstwelt abhängig, was keinen Sinn mehr macht. Denn wenn man bedenkt, wer die Künstler*innen sind, die wirklich erfolgreich sind, wer die Künstler*innen sind, die ständig ausstellen, dann sind es immer diese privilegierten weißen Männer. 

ST: Ich glaube, selbst wenn man in die Geschichte zurückblickt, gibt es eine Menge Künstler*innen, die ohne institutionelle Unterstützung selbst Performances gemacht haben. Und das sind eigentlich die interessantesten. Denn ich glaube, sobald man sich auf eine größere Institution einlässt, ändert sich das völlig. Dann kann man nicht machen, was man will, weil es diesen Kontrollmechanismus gibt. Ich denke also, dass die einzige Möglichkeit darin besteht, es einfach zu tun. Und diese Werke werden ihren Platz in der Kunstgeschichte einnehmen. Ich meine, es gibt so viele Beispiele dafür. 

MT: Ja, Sandra, auf der einen Seite hast Du recht. Aber auf der anderen Seite … Ich habe mich viel mit diesem Thema beschäftigt. Wenn ich mir jetzt Kunstwerke ansehe, die vor 20, 30 oder 15 Jahren möglich waren, sind sie nicht mehr möglich. Und nicht, weil sie gefährlich sind… Aber es hat mir so gut gefallen, wie Selma das erklärt hat; es ist so schön. Wie man Zäune um sich herum aufstellt, als ob man wirklich ein Tier wäre. Es ist also etwas, das komplett kontrolliert wird. Was ich sagen wollte, betrifft auch die Arbeit, die auf andere Weise bezahlt wird. Es geht darum, wie der öffentliche Raum genutzt werden kann, nicht nur weil er privatisiert ist, sondern weil es so viele Vorschriften gibt. Interessant ist, dass Selma und ich in gewisser Weise die gleichen Erfahrungen gemacht haben, auch wenn wir aus unterschiedlichen Verhältnissen kommen, obwohl wir aus dem gleichen Ort stammen, denn ich bin in Zenica, in Bosnien, aufgewachsen. Um das zu erklären: In der westlichen Kunstwelt gibt es die Vorstellung, dass die Demokratie einen Freiraum für die Kunst ermöglicht. Und dass in diesem freien Raum alles passieren kann. Aber dieser Raum ist auch sehr begrenzt und wird von Kurator*innen, von den Institutionen kontrolliert. Und mit der Zeit, mit der Entwicklung des Kapitalismus, wie er jetzt ist, wird er immer fortschrittlicher, enger, kleiner. Wenn man diesen Raum hat, der als freier Raum der Kunst bezeichnet wird, hat er keinen großen Einfluss auf die Gesellschaft. Denn man sagt: „Okay, aha, die machen das, aber das ist nur Kunst; es ist nicht gefährlich. Wir nehmen das nicht ernst.“ Wir sehen nicht, dass es einen großen Einfluss auf die Gesellschaft haben kann, der vielleicht die Sichtweise derjenigen ändern kann, die sich das ansehen und die das Publikum sind. Aber was in der Welt passiert, die nicht Teil der demokratischen Welt ist, ist, dass Kunst wirklich ernst genommen wird und dass sie diese gefährlichen Formen annimmt, in denen Kunst zerstört wird; Künstler*innen sind in Gefängnissen, weißt Du. Das ist wirklich ein interessanter Moment, wie die Demokratie auf der einen Seite die Kunst kontrolliert … in diesen autokratischen Gesellschaften passiert das auch. Aber sie nehmen die Kunst ernst. Es ist also eine interessante Entwicklung, weißt Du, wie dieser Rahmen der Kunst anders funktioniert. 

MUSIK

MT: Zurück zum ifa.

ST: Zurück zum ifa. Wenn Du über das ifa nachdenkst, was würdest Du von einer Organisation wie dem ifa erwarten oder erhoffen, was sie in der Zukunft sein könnte oder wie sie in der Zukunft handeln könnte, was sie in der Zukunft bieten könnte. 

SS: Ich persönlich bin gerade dabei, das herauszufinden, weil ich gerade erst angefangen habe, mit ihnen zu arbeiten. Und bis jetzt ist es sehr nachhaltig, denn wenn man an die nächsten sieben Jahre denkt, weiß man genau, was passieren wird. Es wird für dich gesorgt. Und sie kümmern sich wirklich um jede*n Künstler*in, damit diese*r gesund ist und die Arbeit produzieren kann. Und obendrein bekommt man die Unterstützung, um die Projekte zu machen, die man sich vorgestellt hat. Also für mich funktioniert das in meinem Alter wirklich gut.

MUSIK

ST: Das ifa war und ist ein Raum, der zu verschiedenen Diskursen und Positionen einlädt, weil es immer eine*n Direktor*in für die jeweilige Galerie gibt, aber diese*r Direktor*in hat immer andere Kolleg*innen eingeladen, zu kuratieren, verschiedene Ausstellungen zu organisieren, mit einem bestimmten Schwerpunkt. 

MT: Ja, vielleicht ist das ein gutes Beispiel. Denn Bojana Pejić wurde als Kuratorin eingeladen. Und dann lud sie einen anderen Kurator ein, der vor Ort tätig war. Und sie wollte sich auf bestimmte Künstler*innen konzentrieren. Aber dann hat sie den Kurator eingeladen, der direkt mit diesen Künstler*innen arbeiten konnte. Und Bojana Pejić und Dejan Sretenović arbeiteten zusammen. Wir waren also ein Produkt dieser Ausstellung, ein Produkt einer komplexeren Zusammenarbeit, und es ging nicht darum, einen großen Kurator*innennamen zu haben, der dann einfach eine große Ausstellung macht, die tatsächlich Teil dieses, wie ich sagte, kolonialisierten [Kontextes] ist. Wir kommen also aus Osteuropa und aus der Kriegs- und Konfliktzone und werden vom westlichen Publikum und den Kunstinstitutionen der westlichen Länder kolonialisiert. Beim ifa kann ich sagen, dass es vielleicht auch wegen der Rolle dieser Institution, die mit internationalen Künstler*innen zusammenarbeitet, anders war; es ging sehr stark darum, die Perspektive zu ändern. Wer schaut von wo aus. Es ging also mehr um Zusammenarbeit. 

ST: Ja, und ich glaube, die Ausstellung, an der Du beteiligt bist, Selma, spiegelt das auch wider, wie Du schon sagtest. 

SS: Es ist genau das, was Milica sagte. Es geht um die Künstler*innen selbst, die wichtiger sind als die Kurator*innen. Und es geht nicht darum, Unterschiede zwischen den ausstellenden Künstler*innen zu machen, denn es gibt so viele internationale Künstler*innen. Wir sind auf dem gleichen [Niveau]; jeder von uns hat die gleiche Chance. Das ist etwas, das mir sehr gut gefällt. Es ist das erste Mal, dass ich mich anderen Künstler*innen gleichgestellt fühle, unabhängig von ihrem Alter, ihrer Nationalität oder ihrem Herkunftsland. Als wir die Eröffnung hatten, kamen eine Menge Journalist*innen. Und sie haben Interviews mit allen Künstler*innen geführt. Und sie fragten mich auch: „Wie fühlen Sie sich, dass Sie die Chance haben, all diese berühmten Künstler*innen zu treffen?“ Und ich sagte: „Wow, wie fühlen Sie sich, wenn Sie mich treffen? Es war sehr lustig, denn die Menschen in Sarajevo betrachten die einheimischen Künstler*innen immer noch als minderwertig und nicht als gleichwertig. Ich denke also, dass das ifa mit dieser Ausstellung die Gleichheit zwischen uns allen zeigt. 

ST: Danke, Milica, danke, Selma, für dieses aufschlussreiche Gespräch. Offensichtlich haben wir nur an der Oberfläche ziemlich zentraler Fragen zur Kunst und ihrer Funktion innerhalb und außerhalb der Institution gekratzt. Aber ich hoffe, es hat Ihnen, den Zuhörer*innen, eine Vorstellung von der Praxis der Künstler*innen und dem Kontext, in dem sie arbeiten, vermittelt. 

Wie in der Einleitung erwähnt, hören Sie sich bitte auch den Bonustrack von Astrit Ismaili an, dessen Fragmente dieses Gespräch begleiteten.

Ich möchte mich bei Inka Gressel und Susanne Weiss für die Einladung, bei Ev Fischer, Stefano Ferlito und Anna Giannessi für die allgemeine Unterstützung, und bei Kolbeinn Hugi für die Postproduktion und den zusätzlichen Sound bedanken. 

Past –> Present #2
Podcast-Reihe zum 30. Geburtstag der ifa-Galerie Berlin mit Övül Ö. Durmuşoğlu, Vasif Kortun und Banu Çiçek Tülü

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von soundcloud.com zu laden.

Inhalt laden

Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der ifa-Galerie Berlin bringt der Podcast künstlerische und kuratorische Stimmen zusammen, die seit Gründung der Galerie 1991 eng mit ihr in Verbindung stehen.

Ausgewählte Gäste diskutieren mit Sandra Teitge anhand des Galerie-Programmes inhaltliche Schwerpunkte der vergangenen 30 Jahre. Im Gegensatz zu vielen anderen ehemals westdeutschen Kulturinstitutionen fokussierte sich die Galerie schon früh, in den 1990er Jahren, auf die Zusammenarbeit mit ost- und südosteuropäischen Künstler:innen und Kurator:innen. Wie haben sich künstlerische und kuratorische Ansätze und Arbeitsweisen verändert? Wie steht es z.B. um den öffentlichen Raum, der in Ost- und Südosteuropa stärker in die künstlerische Praxis miteinbezogen wurde? Bietet er noch Handlungsspielräume in der Region? Fragen wie diese verbinden den Podcast mit Themen der Gegenwart und geben lokalen Kunst- und Kulturproduzent*innen eine Stimme.

Für die zweite Folge von Past –> Present spricht Sandra Teitge mit der in Berlin lebenden Kuratorin und Autorin Övül Ö. Durmuşoğluund mit Vasif Kortun, einer der wichtigsten Figuren der türkischen und internationalen Kunst- und Kulturszene. Die beiden unterhalten sich über ihre jeweilige Arbeit und Erfahrung mit und jenseits des ifa, in Deutschland und in der Türkei; begleitet wird ihr Austausch von einem Audiobeitrag der in Berlin lebenden Künstlerin und Musikerin Banu Çiçek Tülü, der dieses Gespräch ergänzt.

Konzept: Sandra Teitge

Musik: Kolbeinn Hugi

Tonbearbeitung: Kolbeinn Hugi

Dank: Ev Fischer, Stefano Ferlito, Inka Gressel, Susanne Weiss

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von soundcloud.com zu laden.

Inhalt laden

Willkommen zu Past –> Present – anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der ifa-Galerie Berlin.

Ich bin Sandra Teitge, in Berlin geborene und lebende Kuratorin und Forscherin (researcher), und die Moderatorin dieses Podcasts.

Past –> Present bringt künstlerische und kuratorische Positionen zusammen, die mit der ifa-Galerie seit ihrer Gründung 1991 verbunden sind. Ausgehend vom Programm der Galerie werde ich mit einer Gruppe von Gästen über das allgemeine Ethos und die Forschungsinteressen des ifa in den frühen 90er Jahren und heute sprechen. 

Welche Bedeutung haben Kulturinstitutionen, die den künstlerischen und kulturellen Austausch fördern, wie das ifa, damals und heute – vor allem in Zeiten von zunehmendem Nationalismus und kultureller Isolation?

Im Gegensatz zu vielen anderen ehemals westdeutschen Kulturinstitutionen fokussierte sich die Galerie schon früh, in den 1990er Jahren, auf die Zusammenarbeit mit ost- und südosteuropäischen Künstler:innen und Kurator:innen. Wie haben sich künstlerische und kuratorische Ansätze und Arbeitsweisen verändert? Wie steht es z.B. um den öffentlichen Raum, der in Ost- und Südosteuropa stärker in die künstlerische Praxis miteinbezogen wurde? 

Fragen wie diese verbinden den Podcast mit Themen der Gegenwart und geben Kunst- und Kulturproduzent:innen eine Stimme, die irgendwann einmal mit dem ifa verbunden waren.

Für die zweite Folge von Past –> Present spreche ich mit der in Berlin lebenden Kuratorin und Autorin Övül Ö. Durmuşoğluund mit Vasif Kortun, einer der wichtigsten Figuren der türkischen und internationalen Kunst- und Kulturszene. Die beiden unterhalten sich über ihre jeweilige Arbeit und Erfahrung mit und jenseits des ifa, in Deutschland und in der Türkei; begleitet wird ihr Austausch von einem Audiobeitrag der in Berlin lebenden Künstlerin und Musikerin Banu Çiçek Tülü (auch als Bonustrack auf dieser Webseite verfügbar), der dieses Gespräch ergänzt.

Övül Ö. Durmuşoğlu lebt und arbeitet in oder besser gesagt von Berlin aus. Ihre Interessen liegen im Schnittpunkt von zeitgenössischer Kunst, Politik, kritischer und Gender-Theorie und Populärkultur. Als Kuratorin agiert sie zwischen Ausstellungsmachen und öffentlichem Programmieren, singulären Sprachen und kollektiven Energien, materiellen und immateriellen Abstraktionen, weltlichen Immersionen und politischen Kosmologien. Ihre jüngsten kuratorischen Projekte sind das 12. Survival Kit in Riga und die 3. Autostrada Biennale mit dem Titel What if a Journey…, die von Juli bis Mitte September dieses Jahres in Prishtina, Prizren und Peja (Kosovo) stattfand.

Für das ifa kuratierte Övül 2010 die Gruppenausstellung Another Country | Eine andere Welt, eine Ausstellung im Rahmen der Reihe Cultural Transfers, die sich mit der Migration von Formen, Kontexten und künstlerischen Strategien auseinandersetzte. Es war ihre Einführung in Deutschland und seine Kulturszene, wo sie später beschloss, zu leben und zu arbeiten, und gleichzeitig der Beginn ihrer Forschung über die Position des Exilischem. 

Övul wird sich mit Vasif Kortun unterhalten, der als „unerschrockener Vermittler“ in der Istanbuler Kulturszene beschrieben wird.

Vasif Kortun ist Kurator, Autor und Dozent auf dem Gebiet der zeitgenössischen visuellen Kunst, ihrer Institutionen und räumlichen Praktiken. Derzeit ist er wissenschaftlicher und kuratorischer Berater des Mathaf: Arab Museum of Modern Art in Doha und war in der Vergangenheit Gründungsdirektor für Forschung und Programme von SALT, einer interdisziplinären Kultureinrichtung mit Sitz in der Türkei und innovativen Programmen für Forschung und experimentelles Denken. 

Er war auch Gründungsdirektor einer Reihe von Institutionen, darunter das Platform Garanti Contemporary Art Center, das Istanbuler Museum für zeitgenössische Kunst und das Museum des Center for Curatorial Studies, Bard College, in den Vereinigten Staaten. 

Seine Projekte sind zu zahlreich, um sie alle aufzuzählen; Vasif wirkte an zahlreichen Biennalen mit, darunter die Taipei Biennale, die São Paulo Biennale (1998) und die Istanbul Biennale, für die er 2004 die ifa-Ausstellung STADTanSICHTEN. Istanbul (URBANreVIEWS), eine Ausstellung im Rahmen der Reihe URBANreVIEWS, war eigentlich eine der Stationen bzw. ein Test für diese 2005 Istanbul Biennale. Sie beleuchtete einzelne Megalopole aus städtebaulicher, soziologischer, kommunikativer und ästhetischer Sicht und berücksichtigte die jeweilige Kulturlandschaft. 

Banu Çiçek Tülü bewegt sich in ihrer Praxis zwischen Sound, Musik, Forschung und Aktivismus und nutzt DJing als künstlerische Form. Die in der Südosttürkei geborene und in Berlin lebende Künstlerin und Musikerin hat durch ihre illegalen Rave-Erfahrungen ihren Geschmack für experimentelle elektronische Musik – vor allem Techno – geprägt. Banu glaubt an die politischen Möglichkeiten von Sound und Musik und nutzt beides als Mittel zur Stärkung verschiedener Communities und Minderheiten. Sie wurde in der Vergangenheit vom Musicboard Berlin unterstützt und ist momentan Stipendiatin des Namibia-Programms an der Akademie Schloss Solitude, Stuttgart/Deutschland, wo auch Övül vor vielen Jahren ein Stipendiat war.

***

ST: Ich begrüße Euch beide ganz herzlich zu diesem Podcast. Danke, dass ihr dabei seid. Ich bin sehr froh, dass es geklappt hat. Ihr seid beide wieder zurück an Euren Wohnorten, nachdem Ihr letzte Woche zusammen im Kosovo wart und dort auch die Ausstellung von Övül gesehen habt, über die wir später vielleicht noch ein wenig mehr sprechen können. Da dieses Gespräch mit dem ifa und den Ausstellungen zu tun hat, die Ihr beide dort vor einigen Jahren organisiert und kuratiert habt, lasst uns zunächst über diese beiden Ausstellungen sprechen, um den Zuhörer*innen ein wenig Kontext zu geben. Vielleicht könntest Du, Vasif, damit beginnen, zu erklären, wann die Ausstellung stattfand, wer daran beteiligt war, auch von Seiten des ifa, wie sie zustande kam und wie die generelle Erfahrung war.

VK: Das ist eine gute Frage. Es ist schon so viele Jahre her, aber ich erinnere mich noch immer an den Weg, der zu dieser Ausstellung führte, weil ich mich lange mit Istanbul, der Stadt und den städtischen Praktiken sowie mit der Transformation der Stadt beschäftigte. Es begann mit einer Ausstellung im Jahr 2001 im Proje4L, dem ersten Museum für zeitgenössische Kunst oder einer Art Kunsthalle in Istanbul. Damals trug sie, die Ausstellung, den Titel Becoming a Place.

ÖD: Ich erinnere mich sehr gut an diese Ausstellung. Sie war auch für mich eine sehr wichtig.

VK: Oh ja. Gut. Danke. Und dann gab es, auf dem Weg sozusagen, auch diese Ausstellung in Stuttgart und Berlin. Und einige Künstler*innen der Becoming a Place-Ausstellung nahmen auch an dieser Ausstellung teil, wie Erik Göngrich und Seçil Yersel – aber nicht alle. Soweit ich mich erinnere, kuratierte ich die Ausstellung nicht selbst, sondern bekam Unterstützung, Hilfe und Unterstützung von Pelin Tan und einigen anderen Kolleg*innen. Und schließlich führte sie 2005 zur Istanbul Biennale, deren Name Istanbul war. Es war also eine Art Station auf dem Weg, um Dinge auszuprobieren und zu sehen, wie sie funktionieren. Ich glaube, ich installierte die Stuttgarter Version, aber ich kann mich nicht daran erinnern, die Berliner Ausstellung installiert zu haben.

ÖD: Vielleicht wurde sie in Stuttgart aufgebaut und reiste dann nach Berlin und das Team in Berlin baute es nach Deinen Anweisungen auf, sehr wahrscheinlich. Meine [Erfahrung] war nämlich so. Und ich nutzte die Gelegenheit, um nach Berlin zu kommen. Ich war in der Akademie Schloss Solitude für eine Residenz, also war es für mich einfacher [nach Berlin zu reisen].

ST: Kannst Du vielleicht ein bisschen über Deine Ausstellung sprechen, Övül?

ÖD: Gern. Die Ausstellung Another Country / Eine andere Welt war der eigentliche Grund, warum ich überhaupt nach Deutschland kam. Ich hatte ein Praktikum bei der Dia Art Foundation in New York absolviert und mit Lynne Cooke zusammengearbeitet. Das war vorbei und ich erinnere mich an den Vorschlag, der vom ifa kam. Und ich schaffte, irgendwann dazwischen nach Stuttgart zu kommen, um mir die Residency anzusehen und zu entscheiden, ob ich sie gern machen würde oder nicht. Ich organisierte dann [kurz später] die Ausstellung [in der ifa-Galerie], als ich in Stuttgart an der Akademie Schloss Solitude war. Das war auch ein Jubiläumsprojekt für beide Institutionen. Und ich nutzte die Gelegenheit, um nach Berlin zu ziehen, als die Ausstellung nach Berlin ging. Und hier bin ich, mit Unterbrechungen, noch immer – in Berlin, irgendwie.

ST: Wie viele Jahre später?

ÖD: 10 Jahre später bin ich immer noch hier, irgendwie. Ich bin überall herumgereist. Und natürlich war ich nicht die ganze Zeit in Berlin. Aber [die Ausstellung mit ifa] war meine Einführung vis-à-vis Deutschland. Ich hätte nie gedacht, dass ich in Deutschland arbeiten würde oder dass ich Deutschland als meinen Wohnort in Europa wählen würde.

10:17-10:44 SOUND

ST: Super. Und, Vasif, Du hast angedeutet, dass [Deine Ausstellung] ein Schritt in Richtung Istanbul Biennale war und die Idee auch war, den öffentlichen Raum Istanbuls in den Galerieraum Stuttgarts und Berlins zu bringen, richtig? Övül, Du hast erst kürzlich deine Arbeit im öffentlichen Raum mit der Autostrada Biennale beendet. Vielleicht können wir ein wenig über den Begriff „Kunst im öffentlichen Raum“ sprechen und darüber, wie Ihr in Eurer Arbeit damit umgeht. Wie hat [der öffentliche Raum] sich im Laufe der Jahre verändert, vor allem in Istanbul. Vasif, Du hast so oft in der Stadt gearbeitet, in Institutionen, aber auch im öffentlichen Raum. Vielleicht können wir darüber sprechen.

VK: Das ist eine gute Frage. Vielleicht kann Övül das viel besser beantworten als ich. Ich beginne nicht mit Fragen des öffentlichen Raums oder des Galerieraums oder des Ausstellungsraums. Das sind nicht die Themen, die mich a priori interessieren. Das sollte ich ganz klar sagen. Ich beginne mit dem Problem und versuche dann herauszufinden, ob es für den öffentlichen Raum oder für den Galerieraum oder für den digitalen Raum oder für ein Archivierungsprojekt oder ein Buch oder eine Publikation oder was auch immer geeignet ist. Und mein Versagen im Umgang mit Projekten solcher Art ist auch, dass ich ein Problem mit Aufträgen habe. Ich mache Dinge gerne, wenn ich sie wirklich gerne mache. Und bei Aufträgen scheitere ich meistens. Da fehlt etwas. Es gibt etwas, das einfach nicht gut funktioniert. Wenn dich jemand bittet, eine Ausstellung zu machen, sagst du „ja, ok“…

ÖD: Um den Faden fortzusetzen, den Vasif verfolgt, würde ich sagen, dass es mir auch ein bisschen ähnlich geht. Denn in meiner Praxis arbeite ich mehr mit Öffentlichkeit als mit ‘Kunst im öffentlichen Raum’. Mir geht es mehr um die Vorstellungen von Öffentlichkeit und wie sie sich unterscheiden und wo die Konflikte liegen, die dabei auftreten. Daran bin ich eigentlich am meisten interessiert. Und manchmal geschieht das im städtischen Raum und manchmal auch in den Galerien, in institutionellen Räumen. Auch hier geht es mir also mehr um die Öffentlichkeit und den freien Raum und gleichzeitig um den Begriff der Demokratie, ganz im Hintergrund, in einem allgemeineren Rahmen. Das erste Projekt, das ich realisierte, bevor ich meine Arbeit als kuratorische Arbeit bezeichnete, bestand darin, bildende Künstler*innen einzuladen, in Istanbul Street Art zu machen und sich mit der exotischen Identität der Stadt zu befassen, und es hieß Exocity. Das war eine sehr schöne Übung für mich, die mich in das Kuratieren zeitgenössischer Kunst einführte. Und so ging der Weg weiter. Auch bei diesem Projekt wurde ich von Becoming a Place inspiriert. Es inspirierte mich, die Konflikte des öffentlichen Raums zu sehen und wie er auf verschiedene Weise gebrochen werden kann.

SOUND 14:51-15:47

VK: Die Diskussion ist natürlich kontextabhängig und situationsbedingt. In gewisser Weise würde ich mich sehr schwer tun, die Außenräume Istanbuls als öffentliche Räume zu bezeichnen. Diese Terminologie gibt es im Türkischen gar nicht. Wir haben verschiedene Wörter für ‚öffentlicher Raum‘, aber sie haben alle eher einen rechtlichen Rahmen als einen ‚öffentlichen Charakter‘. Natürlich kann man das nie voraussetzen. Jedes Mal muss er, [der öffentliche Raum], neu erfunden und neu beschrieben werden. Das steht fest. Gleichzeitig ist die Situation in der Türkei, wie wahrscheinlich auch in den meisten muslimischen Gesellschaften, wenn ich das mal so verallgemeinern darf, von Palästina bis zu anderen Orten, mit dem Begriff des öffentlichen Raums sehr problematisch. In der Türkei ist zum Beispiel ein Universitätscampus kein öffentlicher Raum. So könnte man das immer weiter fortsetzen. Wir haben es also immer mit anderen Fragen zu tun, mit sehr spezifischen Fragen, die damit zu tun haben, was ‘öffentlich’ ist.

ÖD: Darf ich Dich aus reiner Neugier fragen, ob Du Dich an die Erfahrung erinnerst, wie es sich für Dich angefühlt hat, zu diesem Zeitpunkt in Deutschland eine solche Recherche über Istanbul durchzuführen? Denn Du nahmst ja eine ganz bestimmte politische Position ein. Diese [Recherche] führte auch eine andere politische Position [in Bezug auf] die Vorstellungen über die Türkei in Deutschland ein, würde ich sagen. Wenn Du ein paar Worte dazu sagen könntest. Ich wäre sehr neugierig, darüber mehr zu hören.

VK: Ich dachte gar nicht an Deutschland, um ganz ehrlich zu sein. Ich kenne Stuttgart ein bisschen. Ich war etwa hundert Mal dort, weil mein Vater für eine Charterfluggesellschaft arbeitete, die türkische Arbeiter*innen zwischen Istanbul, Izmir und Stuttgart hin und her flog. Ich kannte also den seltsamen Flughafen, die Koffer der Arbeiter*innen, die alltäglichen Verhandlungen usw. Stuttgart war für mich ein Ort, an dem ich lernen und Kunst sehen konnte. Für andere Leute ist das vielleicht nicht so, aber es gab diese Reihe von Museen, auf der anderen Straßenseite. All das war für mich sehr wichtig. Es war also nicht ‚Deutschland, Deutschland‘, an das ich dachte. Ich dachte auch nicht an die türkisch-deutschen Bürger*innen, die in Stuttgart leben. Ich finde, dass es gerade in der heutigen Zeit, in den 2000er Jahren, eine absurde Idee ist, zu denken, dass man türkische [Besucher*innen durch eine Ausstellung wie meine] anziehen würde. Es ist generell auch eine missbräuchliche Vorstellung: Wenn es eine türkische Ausstellung gibt, kommen die Türk*innen, und im nächsten Monat sind chilenische [Künstler*innen] da, also versucht man, die chilenischen Arbeiter*innen zu bekommen. Und ich finde, das wird in europäischen Institutionen systematisch missbraucht. Im Fall Stuttgart war das nicht der Fall, ganz sicher nicht. Da gab es nicht so eine Prämisse und wir wurden nicht mit Döner Kebaps zum Mittag- oder Abendessen gefüttert. Das war also auch sehr schön. Keiner hat versucht, einem/r das Gefühl zu geben, dass man…, Du weisst schon, all das. Es war einfach das Ende dieser Ära. Ich wollte darauf zurückkommen [worüber wir vorher sprachen]. Vielleicht kann ich das mit einer anderen Geschichte verknüpfen. Övül, Du kennst sie sehr gut, glaube ich.

SOUND 20:02-20:32

VK: 1990 ging ich mit einem langen Liste von Künstler*innen aus der Türkei in der Tasche auf Deutschlandtournee. Das war, bevor ich anfing, Ausstellungen zu machen. Und die Idee war, dass es auch in der Türkei einige großartige Künstler*innen gibt. Und das ifa war eine dieser Situationen, die ich im Auge hatte. Und zu dieser Zeit konnte ich nicht einmal ein Treffen bekommen. Ich wurde im Grunde nicht in die Tür des ifa hineingelassen. Und das war damals ein sehr bitteres Gefühl für mich. Ich war rachsüchtig; ich war wütend. Sie machten [meiner Meinung nach] ihre Arbeit nicht. Dies war auch zwei Jahre bevor ich die Istanbul Biennale kuratierte. Und um diese beiden Dinge miteinander zu verbinden: An einem Ort konnte ich kein Treffen bekommen; am zweiten Ort, der Istanbul Biennale, bot mir Deutschland einen Künstler an, einen wichtigen Künstler natürlich, der nichts mit meinem Ausstellungskonzept, mit meinem Auftrag, mit meiner Diskussion usw. zu tun hatte. Also sagte ich, auch mit der ifa-Geschichte im Hinterkopf: „Tut mir leid, Sie sind nicht in der Ausstellung.“ Und stell Dir vor, einem Land wie Deutschland wird gesagt, dass es nicht an der Istanbul Biennale teilnehmen wird. Das war’s. Aber wir mussten die Situation nivellieren und so ebnet man den Weg. Ich meine nicht, dass es ein kolonisierender Ansatz ist, aber es ist ein sehr westeuropäischer Stil, anderen Menschen beibringen zu wollen, wie sie sich verhalten sollen und was sie mögen sollen und was nicht. Dinge, die aus guten Verpackungen und guten Schachteln kommen, werden immer unhinterfragt hingenommen – und das ist es, was man bekommt. Damit hatte Beral Madra bei den Ausstellungen 1987 und 1989 zu tun… und bei allen Ausstellungen ab 1974 im Rahmen der Istanbul Foundation for Culture [Istanbuler Stiftung für Kultur], die später die Biennale durchführte. Die Dinge kamen aus den Kisten. Man hatte nie eine Idee. Es war nie erlaubt, eine Idee zu haben. Das war es also in gewisser Weise. Die Dinge passierten. Diese Art der Nivellierung ist gut, weil sie ein angemesseneres Verhältnis für die Zukunft schafft. Mir hat es nicht geholfen, aber der Zukunft. Wie auch immer, 1999 kam Iris Lenz zu einer kleinen Institution, die ich in Istanbul gegründet hatte. Sie hieß ICAP, Istanbul Contemporary Art Project, und bestand im Grunde aus einem Raum, zwei Räumen, aber es war ein ziemlich winziger Ort. Es war eine der Initiativen, die ich damals leitete; ich machte einige Veröffentlichungen und alle möglichen verrückten Dinge… und sie kamen. ifa kam an meine Tür. Ich sagte: „Das war’s. Jetzt können wir reden. Jetzt sind wir quitt.“ Und natürlich hieß ich sie willkommen. So begann die Beziehung und entwickelte sich. Aber das ist [auch] die Geschichte einer anderen Zeit, offensichtlich. Sie weist alle Merkmale einer anderen Zeit auf. Das trifft heute nicht mehr zu. Wir sind weit darüber hinaus.

ÖD: Aber es ist auch wichtig, sich daran zu erinnern, woher wir kommen und mit welchen Themen und Fragen sich die vorangegangene Generation beschäftigte, um zu den Fragen zu gelangen, die wir heute haben [oder mit denen wir uns beschäftigen].

VK: Ganz genau. Es klingt heute banal, sogar die ganze Geschichte. Weil sie nicht so anspruchsvoll ist oder nicht die anspruchsvollen Fragen von heute [beinhaltet]. Sie ist viel grundlegender. 

ÖD: Aber Deutschland und die Türkei haben natürlich diese besondere Beziehung, was die kulturellen Netzwerke angeht. Deutschland war schon immer der Ort, an dem eine Menge zeitgenössischer Kunst aus der Türkei gezeigt wurde. Natürlich gibt es auch die Position von Rene Block, der kam und eine umfangreiche Recherche anstellte und vielen Künstler*innen aus der Türkei half, internationale Künstler*innen zu werden. Diese Internationalität [entwickelte sich] also via Deutschland. Es gibt immer diese interessante Beziehung, nicht nur die Gastarbeiter*innenfrage; es gibt verschiedene Ebenen, verschiedene Phasen der kulturellen Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland. Das war auch sehr wichtig. Vor Frankreich oder Belgien oder den Niederlanden war es Deutschland, das Zusammenkünfte und Begegnungen initiierte. Das war natürlich auch der Grund, warum es für mich wichtig war, die Residenz anzunehmen und in Stuttgart zu arbeiten, in Stuttgart zu beginnen und die Ausstellung zu entwickeln, die ich ausgehend von James Baldwins Roman Another Country entwickelte, sich ein anderes Land vorstellen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Türkei bereits aus politischen Gründen verlassen und war selbst auf der Suche nach einem anderen Land. Und als ich James Baldwins Roman in New York las, berührte er mich sehr tief. Und es war natürlich ein Roman, der in Istanbul fertiggestellt wurde. Das war meine Verbindung zur ifa-Ausstellung, auch wenn ich mir die bisherigen Ausstellungen und Programme anschaue – ich kam zu einer Zeit, als es eine andere Richtung und andere Projekte mit Elke aus dem Moore gab -, wollte ich wirklich dieses Konzept einbringen, ein anderes Land in einem Land zu schaffen, in das wir unsere Arbeit bringen, wo wir einander hören und wo wir uns lieben können. Das ist auch eines der Themen in James Baldwins Roman, mit einem sehr starken Hintergrund bzgl. des ‘Black Struggle’ [Kampf der Schwarzen]. Und deshalb entschied ich mich für eine sehr vielfältige Gruppenausstellung, die auch eine der ersten Ausstellungen dieser Art in den ifa-Galerien war. Ich wollte mit dem Ansatz brechen, dass jemand aus einer bestimmten Region kommt und sich immer nur mit dieser Region oder mit den Fragen dieser Region beschäftigt. Das hatte ich bei der Konzeption der Ausstellung ganz klar im Kopf. Ich wollte das Vorurteil brechen, bevor das Vorurteil kommt. 

SOUND 28:30-29:00

ST: Um die Seite des ifa in diesem Gespräch zu betrachten: Es ist definitiv richtig, dass sich der gesamte Ansatz im Laufe der Jahre veränderte. Und wir sprachen auch im letzten Podcast mit Kathrin Becker und Dmitry Vilensky darüber, dass aufgrund der Zeit, weil es nicht überall Internet gab und nicht jeder in der Lage war, so breit und international zu recherchieren, die Herangehensweise eher schrittweise sein musste: in ein Land gehen, recherchieren, Künstler*innen finden usw. Alles war also viel langsamer. All diese Faktoren trugen dazu bei, dass es letztendlich mehr ‘nationale’ Ausstellungen gab. Aber jetzt, mit der neuen Leitung von Alya Sebti [ifa-Galerie Berlin] zum Beispiel, ist es eine ganz andere Dynamik.

ÖD: Ja, das ist schön zu sehen. Aber wie gesagt, es ging nicht unbedingt darum, dass Vorurteile geäußert oder geäußert wurden; es ging mir mehr darum, diese Position als jemand, der aus einem stigmatisierten Land kommt, in Deutschland wirklich zu schaffen – es gibt diese komplizierte Beziehung; sie ist ein bisschen anders als mit anderen Ländern. Und auch in verschiedenen Kultureinrichtungen wird immer noch erwartet, dass man nur mit türkischen Künstler*innen arbeitet oder sich ständig mit Diaspora-Problemen beschäftigt; diese Art von Projekten wird mit allgemeinen [finanziellen] Mitteln unterstützt. Das ist eine Frage, die ich seit einiger Zeit in Deutschland aufwerfe, wenn ich international in Deutschland arbeite, was es bedeutet, in einer solchen Position zu sein und einen anderen kulturellen und intellektuellen Boden zu beanspruchen, ein bisschen, wie ein Bewusstsein für diese Regeln zu schaffen, die fast unsichtbar sind, aber ständig wirken. Und natürlich entwickeln sich die Dinge weiter und entwickeln sich auf sehr gute Weise und sind auch Teil der Bildung, also [deshalb] strukturell. An der UdK und in Braunschweig zum Beispiel sehe ich die Diskussionen und Fragen, die aufgeworfen werden. Es sind sehr wichtige Fragen, die sich die Institutionen stellen, und ich halte das für sehr, sehr gesund. 

VK: Das ist so wahr. Es ist interessant, dass die Idee, dass es stigmatisiert ist, in gewisser Weise nicht von außen beeinflusst wird. Man geht an bestimmte Situationen mit diesem Stigma heran, auch wenn die Person, die vor einem steht, diese Einstellung vielleicht nicht hat. Es ist, was es ist. Aber ich könnte mir auch vorstellen, dass der Rahmen eines Landes in gewisser Weise so gut ist wie jeder andere [für eine Ausstellung]. Ich würde dieses Argument nicht aufrechterhalten. Aber ich sage es nur, um unserer Diskussion willen. Wir sind nie außerhalb unserer Zeit. Aber was sind die Bedenken der Gegenwart? Was übersehen wir jetzt? Was übersehen wir in diesem Moment? An welche Machtstrukturen sind wir angeschlossen, von welchen können wir uns trennen usw. usw. Ich denke, das sind legitime Fragen, die wir uns erneut stellen sollten. Aber ich stimme mit Dir überein. Für mich waren diese Ausstellungen, die ich außerhalb der Türkei organisierte, nicht für mich, sondern für die Künstler*innen. Denn bevor ich in die Türkei zurückkehrte, habe ich so viele Jahre außerhalb verbracht, um mich nicht als Person aus der Türkei zu etablieren, sondern als die, die ich bin. Dann kehrte ich in die Türkei zurück, um dieses Einfluss zu nutzen. Ich wollte nie der ‘Agent aus Istanbul’ sein usw. usw. Das war damals eine schwierige Rolle, die ich einnehmen musste. Denn es kommt vor, dass man zur ‘Person aus Istanbul’ wird. Aber das war nie meine Absicht.

ST: Vasif, wusstest Du schon immer, dass Du nach Istanbul oder in die Türkei zurückkehren würdest, um vor Ort zu arbeiten und dort Institutionen aufzubauen?

VK: Weißt Du, ich arbeite in meiner eigenen kleinen Welt, in meinem eigenen Kopf. Mir wurde zweimal die documenta angeboten, und beide Male lehnte ich ab. Denn ich bin nicht daran interessiert, große Ausstellungen außerhalb der Türkei zu machen. Ich wollte wirklich zurückgehen, weil ich eine Institution gründen wollte – und es hat lange gedauert, bis ich damit angefangen konnte – mit einer Forschungskomponente, mit einer großen Bibliothek, mit all den Dingen, die ich in meiner Jugend vermisst habe. [Eine Einrichtung,] in der wir eine neue Situation, eine neue Ökologie für die jüngere Generation schaffen können. Das klingt jetzt sehr kitschig, aber das war mein großes Ziel: eine großartige Bibliothek, ein großartiges Archiv. Das war eine Selbstverständlichkeit. Ich bekam das Angebot, Direktor des Bostoner ICA zu werden, und noch in derselben Nacht beschlossen meine Frau und ich, nach Istanbul zurückzukehren. Denn wenn ich mich auf diese Art von Institution eingelassen hätte, wäre ich nie wieder davon losgekommen, weißt Du. Und das wäre kein Leben gewesen, das sich für mich gelohnt hätte, denn ich bin der Türkei wirklich treu. Deshalb verlasse ich sie auch jetzt nicht, obwohl es viele Gründe gibt, diesen verdammten Ort zu verlassen.

ÖD: Aber ich glaube auch, vielleicht irre ich mich, aber ich sehe, dass die Generation, die in den 1990er und 2000er Jahren die kulturellen Räume in Istanbul aufbaute, einen ähnlichen Ehrgeiz hatte, mit all diesen verschiedenen Figuren. Sie wollten zurückkommen und in die Stadt investieren. Sie wollten ein anderes Istanbul schaffen. Das war lange Zeit möglich. Jetzt ist es nur in den Hintergrund getreten. Aber sie war da. Ich habe das Glück, damit aufgewachsen zu sein, als ich an der Universität in Istanbul studierte. Es hat so viel zu meinem persönlichen Horizont und meiner Sicht auf die Welt beigetragen. Und es ist interessant zu sehen, dass wir die Dinge, die wir heute als selbstverständlich ansehen, denen zu verdanken haben, die sich vor uns entschlossen, hierher zu kommen und den Weg für uns ebneten; aus heutiger Sicht ist das ein echter Luxus. Es ist auch interessant zu sehen, wie bestimmte Dinge ihre Zeit haben und einen sehr einprägsamen Effekt erzeugen; diese 20 Jahre in Istanbul sind ziemlich einprägsam.

SOUND 36:55-37:38

VK: Die Generation, die in der Lage war, diese Art von Arbeit zu leisten, war nicht im Exil. Sie waren nicht im Exil. Sie wurden nicht aus dem Land vertrieben. [Die Menschen wurden] nach 2016 vertrieben, oder 2016 war das Ende aller Möglichkeiten, und das ist der Grund dafür, dass so viele Künstler*innen und Kolleg*innen [das Land verlassen]. [Es ist] eine neue Generation, die Generation, die direkt nach Dir kommt, Övül. Die Situation hat sich also ein wenig geändert, aber der Exodus ist ziemlich real, und ich weiß nicht, was dabei herauskommen wird. Im Moment sieht es sehr deprimierend aus, weil sie in einer Zeit[kapsel] von 2016 feststecken, während wir bereits im Jahr 2021 sind. Aber die Exilant*innen stecken leider immer in einer Zeit[kapsel] fest. Das ist das, was türkischen Künstler*innen in Deutschland in den 1970er Jahren passierte. Sie saßen auch fest; sie wurden ghettoisiert. Die neuen sind dabei, sich selbst zu ghettoisieren. 

ÖD: Genau. Es ist eine Art Komfortzonenverhalten, das sich einstellt, ohne Absicht. Es passiert wirklich. 

VK: Das ist ein tolles Projekt, das man machen kann, ein neues Projekt für das ifa!

ÖD: Man muss auch sagen, dass [diese Diskussion] die allgemeine Situation in der Welt betrifft, wie [generell] das Gleichgewicht funktioniert. Es gibt bestimmte Länder, die unmöglich gemacht werden. Und das haben sie nicht verdient. Das sehen wir heute an Afghanistan, als extremes Beispiel. Es ist Teil dieser Operation, die viele Künstler*innen und Kulturschaffende dazu zwingt, nur in bestimmten [kulturellen] Zentren zu leben. Und das können sie erst jetzt tun. Ich glaube, in Berlin hat sich daraus eine Szene entwickelt. Man sieht all diese verschiedenen Migrant*innen-Communities, die sich hier niederlassen, zum Beispiel die arabischsprachige Bevölkerung, die es in dieser Form nie gab [und die] kulturell und politisch sehr aktiv und sehr sichtbar ist. Und natürlich auch diese neue Generation von Künstler*innen aus der Türkei mit einer anderen Stimme, mit anderen Anliegen, mit einem anderen Profil. 

VK: Reden sie miteinander?

ÖD: Manchmal. Aber nicht immer. Ich denke, dass diese Gespräche länger brauchen [um sich zu entwickeln]. Soweit ich sehe, gibt es stärkere Verbindungen zwischen den spanisch- und arabischsprachigen Coomunities. Aber das ist die Situation, wirklich. Ich sprach auch mit einer anderen Kollegin von mir, Ana Teixeira Pinto, die aus Lissabon stammt und schon sehr lange in Berlin lebt, darüber, dass dies die Situation ist. Wir würden vielleicht gerne wieder [in unseren Städten oder Ländern] arbeiten und leben, aber wir haben nicht den Raum, um unsere Visionen zu verwirklichen. Es gibt keine Räume als solche [dort]. Es ist also die [Berliner Kultur-]Szene, der wir unser Bestes geben und Antworten erhalten oder versuchen, bessere Antworten zu bekommen.

ST: Auch in Berlin werden Räume gegründet, die diese Communities unterstützen. 

ÖD: Genau. Es gibt verschiedene Formen von Solidaritätsmodellen, die sehr stark wachsen. Darum geht es aber nicht. Es geht eher darum, wie das Gleichgewicht in der Welt kulturell in Richtung bestimmter Zentren funktioniert und dass in die Orte, aus denen diese Exil-Communities kommen, kulturell nicht investiert werden kann. Das gilt natürlich auch für Ägypten. Sie versuchen ständig, ihre Stimme zu erheben, um ihre Communities in Ägypten zu unterstützen. Das ist ein interessantes Panorama. Kulturell gibt es Berlin sehr viel. Und [die Stadt] war noch nie so vielschichtig. Das war immer mein Zögern, nachdem ich die [ifa]-Ausstellung kuratiert hatte. Es war mir zu weiß, um zu bleiben, also versuchte ich immer, rauszukommen. Aber irgendwann merkte ich auch, dass sich eine neue Szene entwickelt, die viel plurivokaler ist, mit verschiedenen Anliegen, die ihre schönen Experimente und Konfrontationen schaffen. So entschied ich mich, zu bleiben.

SOUND 43:11-48

ÖD: Die künstlerische Community zum Beispiel, die in meiner Nachbarschaft lebt, aber nie miteinander spricht, weil wir alle in der Stadt arbeiten, aber immer außerhalb der Stadt [sind]; wie wir wieder zueinander finden und uns an unsere Community mit all ihren Problemen und Sorgen erinnern können. Es ist kein völlig rosiges Bild. Aber es ist sehr wichtig, es zu versuchen, vor allem, wenn die Öffentlichkeit durch die Pandemie und die digitalen Gespräche, die wir führen, eine neue Bedeutung erhält. Natürlich ist das ein weiterer Exzess gegenüber der Welt. Aber dennoch müssen wir uns an unseren Orten, an denen wir leben, daran erinnern, dass wir viel direkter miteinander reden und auch die Straßen für uns beanspruchen müssen. Es ist immer sehr wichtig, die Straßen für sich zu beanspruchen.

ST: Und um [langsam] zum Schluss zu kommen – ich weiß, dass dies ein sehr interessantes Gespräch ist. Vielleicht ist es genau das, was Institutionen wie das ifa tun können, nämlich einen Raum zu schaffen, ohne eine Agenda zu haben, einen neutralen Raum, in dem diese Communities zusammenkommen können. Ich habe für das Goethe-Institut gearbeitet, und ifa und Goethe sind in gewisser Weise verwandt. Und das Goethe-Institut schaffte es, in sehr dramatischen Situationen, wie z. B. in Beirut während des Bürgerkriegs, diese Räume zu schaffen, in denen die Menschen entweder Schutz finden oder als Gemeinschaft zusammenkommen können. Das sind wahrscheinlich die besten Zukunftsszenarien für Institutionen wie das ifa.

ÖD: Ich stimme zu. Und um auf den Anfang des Gesprächs zurückzukommen: Wir müssen die bestehenden Vorurteile, die von westlichen Institutionen stammen, wirklich auflösen und verlernen, denn sie sind nicht verschwunden, sie sind da. Aber natürlich führen all diese Gesprächsformen und die Wege, die sie uns weisen, dazu, dass die Institutionen noch mehr dieser Altlasten hinter sich lassen. Aber es gibt immer noch etwas zu tun. Es spielt keine Rolle, ob der Name „dekolonial“ lautet oder nicht. Es ist wichtig, diese Altlasten hinter sich zu lassen.

VK: Und zwar strukturell.

ÖD: Ja, strukturell.

ST: Das ist das Wichtigste.

Ich danke Euch beiden sehr. Ich danke Dir, Övül. Ich danke Dir, Vasif.

Claudia Andrea Gotta und Karen Michelsen Castañón reflektieren über “La Escucha oder die Winde” #2

Im zweiten Podcast sprechen die Historikerin, Lehrerin und Aktivistin Claudia Andrea Gotta und die Künstlerin Karen Michelsen Castañón über die Textilien des Weberinnen-Kollektivs Thañí/Viene del monte in der Ausstellung La Escucha oder die Winde und insbesondere darüber, wie Textilien und Territorien miteinander verbunden sind.

Englische Übersetzung: JD Pluecker 

Deutsche Übersetzung: Luisa Donnerberg 

Musik: Marcelo Berrini

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von soundcloud.com zu laden.

Inhalt laden

K: Willkommen zum zweiten Podcast, in dem wir gemeinsam über die Ausstellung La escucha y los Vientos in der ifa-Galerie in Berlin sprechen. Claudia, heute widmen wir uns den Textilien der Ausstellung, insbesondere denen des Weberinnen-Kollektivs Thañí/Viene del monte. Von den Weberinnen werden die Textilien SILAT genannt,  Botschaften. Im Ausstellungsraum entfalten sie sich wie ausgedehnte Netze. In der Ausstellungsbroschüre ist zu lesen, dass diese Netze von geknüpften Taschen kommen, die auf Quechua llica heißen, und dass mit diesen Taschen bzw. llicas gereist wird, Dinge gesammelt oder aufbewahrt werden und dass sie darüber hinaus eine Anspielung auf feine Spinnennetze sein können. Welche Beziehung besteht zwischen der llica, dieser aus Netzen geknüpften Tasche, und den Gebieten, in denen sie angefertigt wird?

C: Die verknüpften Fasern in diesen Taschen, in diesen llicas, in diesen Textilien, die im alltäglichen Leben auch für etwas anderes benutzt werden, sind von Frauen handgemacht und in einigen Fällen auch von Männern – in manchen Pueblos weben nicht nur die Frauen. In ihre Schuss- und Kettfäden ist ein uraltes Wissen verflochten, ein Wissen, das möglich ist, weil es noch Chaguar gibt, weil es noch Fasern aus dem Urwald gibt. Auch das ist ein Kampf, der gekämpft werden muss. Es ist unmöglich, diese Arbeiten anzufertigen, wenn der Wald abgeholzt ist und es wäre auch nicht nötig, die Taschen herzustellen, die dem unterschiedlichsten Gebrauch dienen, je nach Größe und Träger:in, wenn in den verschiedenen Territorien nicht nach dem gesucht werden kann, mit dem Mutter Erde uns versorgt. Die Taschen der Ausstellung zeugen also von schöpfenden Händen, von sich erneuernden Botschaften, davon, dass sie häufig das Erbe vieler Generationen sind, die nicht nur das Weben, sondern auch eine textile Sprache weitervermitteln, aber auch und vor allem dass die Textilien eine Seinsberechtigung haben, nicht nur als Überbringende von Botschaften, sondern zu einem bestimmten Gebrauch. Wenn der weiße Mann, der sich über alle Ausdrucksformen des Lebens gestellt hat, aufhört, ihre Territorien zu vereinnahmen, werden diese Pueblos – Jäger:innen, Sammler:innen, Fischer:innen (eine Fischerei, die mehr Sammeln oder Jagen ist als Fischen, so wie wir es in unseren Gesellschaften verstehen) – die Textilien weiterhin nutzen können. Ansonsten werden die llicas keine Daseinsberechtigung haben. In den Arbeiten  begegnen wir also einer Gesellschaft, die sich einem hegemonialen Modell widersetzt, die sich einem Territorium im Zusammenleben mit anderen Lebensformen annimmt und die, wenngleich sie gegen das hegemoniale Modell nicht kämpfen kann, auch nicht dagegen kämpfen mag, sondern in Gemeinschaft leben will, auf gemeinschaftlichen Territorien und füreinander einstehend.  

K: Das Weberinnen-Kollektiv Thañí/Viene del monte ist seinerseits Teil des Vereins Lhaka Honhat/Nuestra tierra und kämpft laut der Ausstellungsbroschüre „seit mehr als dreißig Jahren für die Anerkennung des Gemeinschaftseigentums von denjenigen […], die schon immer auf diesem Territorium gelebt haben.“ Das Urteil des Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte (IAGMR) zugunsten von Lhaka Honhat im März letzten Jahres ist allseits bekannt. Was bedeutet das Urteil für die Territorien und die Gemeinden, die auf ihnen leben?

C: Zunächst einmal umfasst diese pangemeinschaftliche Organisation, so können wir sie nennen, weil sie sich nicht nur aus einer beachtlichen Anzahl an Gemeinden zusammensetzt – ich glaube, es sind 132 oder 133 –, sie umfasst auch eine bedeutende, weil pluriethnische Gruppe. Sie ist multiethnisch, weil sie fünf indigene Pueblos aus der Provinz Salta im Nordwesten unseres Landes umfasst. Sie umfasst die Pueblonation Wichí, die Pueblonation Qom, die Pueblonation Tapiete, die Chulupí oder Nivaclé und die Chorote. Diese fünf Pueblos, die in jeder ihrer Sprachen ihren eigenen Namen haben plus die Namen, die ihnen von ihren Nachbar:innen gegeben werden (aber unter den hier genannten Namen sind sie bekannt), sie alle sind Teil der Organisation Lhaka Honhat und des emblematischen Falls, der Anfang letzten Jahres mit dem endgültigen Gutachten des IAGMR einen Wendepunkt markiert hat. Nach dem endgültigen Urteil im März 2020, das als Fall 12094 bekannt geworden ist, war der Fall Lhaka Honhat vor dem Interamerikanischen Gerichtshof ein paradigmatisches Ereignis, allerdings wissen wir fast nichts von den konkreten Entwicklungen, weil sich das zu Beginn des großen Stillstandes ereignet hat, den COVID-19 all unseren Lebensbereichen in allen Gebieten dieses Planeten gebracht hat, aber wir sprechen von diesem Kontext. Ich glaube oder besser, ich ziehe es in Betracht, denn es ist vor allem eine Analyse, dass der Fall Lhaka Honhat erfolgreich sein wird, aber noch haben wir die Ergebnisse nicht gesehen, weil wir uns in dieser Lage befinden. Allerdings kommen wir nicht umhin zu denken, dass das unter diesen Umständen ein Einzelfall wäre, denn die Pandemie begünstigt einen kontinuierlich fortschreitenden Beutezug in allen Territorialitäten, die vor langer Zeit von indigenen Pueblos aus dem ganzen Land bewohnt wurden, noch bewohnt werden und deren Rechte unveräußerlich und unstrittig sind. Ich denke, dass das auf ganz Abya Yala zutrifft. Das hat damit zu tun, dass die Bulldozer, Lastwagen, Usurpatoren und Landbesitzenden nicht stillgestanden haben. Sie haben während des ganzen Jahres 2020 nicht aufgehört einzudringen, abzuholzen, zu zerstören, zu unterdrücken und das im Einverständnis mit den lokalen Mächten. Denn sanktioniert wurden die Indigenen, die die Quarantänebestimmungen verletzt haben, wenn sie gemeinsam protestierten oder in die Dörfer gegangen sind, um Beschwerden einzureichen, während die Herren mit Geld und Macht nie sanktioniert werden. Das ist es, was uns wirklich Sorgen macht. Auch wenn der Erfolg von Lhaka Honhat vor dem IAGMR ein Erfolg für alle ist, die Teil dieses Kampfes sind, sollten wir zwar den Triumph immer wieder betonen, aber auch die Realitäten anderer indigener Territorien im Kopf behalten, die sich den Fall Lhaka Honhat zum Vorbild genommen haben, um die eigenen internen Strukturen zu stärken. Denn der Triumph von Lhaka Honhat ist kein Verdienst des IAGMR. Der IAGMR hat nicht mehr als das getan, was er tun sollte. Der Verdienst gebührt der komplexen und wirklich rechtmäßigen Organisation Lhaka Honhat, die nicht nur eine große Anzahl an Referent:innen und Gemeinden vereint, sondern auch die zur Verfügung stehenden Mittel nutzt und über die eigenen Rechte nicht verhandelt. Auch das muss anerkannt werden, innerhalb der eigenen Kriterien der indigenen Politik zu bleiben, die das Gewohnheitsrecht und ein Leben in Harmonie mit anderem Leben umfasst. All diese Elemente haben sie abgewägt, als sie, den Anforderungen des Gesetzes und der hegemonialen Mächte folgend, ihre eigenen Rechte geltend gemacht haben. Das ist es, was willkommen geheißen und als Beispiel genommen werden muss, aber es ist ein Kampf, der in vielen anderen Territorien noch gekämpft werden muss. Denn der Vormarsch derjenigen, die das Leben vergegenständlicht und kommerzialisiert haben, ist in allen Territorialitäten von Abya Yala permanent gegeben. Das sehen wir, wenn wir Territorien durchqueren, die vorher ländlich, voller Leben und Geräusche der Natur waren und heute überzogen sind von Zement und großen Infrastrukturbauten, die alle dazu dienen, die sogenannten natürlichen Ressourcen zu kommerzialisieren. Für uns sind sie Gemeingut und ein Geschenk der Mutter Erde, das sie uns gegeben hat, damit wir gut leben können.

K: Danke, Claudia. Könntest du uns ein paar geschichtliche Hintergründe über den rechtlichen Prozess der Anerkennung von indigenem Gemeinschaftseigentum für speziell diese Territorien geben? 

C: Ja klar. Damit unsere Zuhörer:innen ein vielleicht vollständigeres Bild bekommen, müssen wir erwähnen, dass die Region genauso wie ganz Abya Yala schon immer von diesen Pueblos bewohnt war, seit längst vergessenen Zeiten. Was seit Anfang des 20. Jahrhunderts verzeichnet wird, insbesondere seit den 1910ern, ist die Ankunft einer großen Anzahl an Criollos [Anm.: Personen europäischer Herkunft] in der Region, die beginnen, ihre Produktionsmodelle durchzusetzen. Das erzeugt Konflikte in ganz Abya Yala, einige von ihnen entstehen bereits während der Invasion, andere entstehen erst wesentlich später und brauchen Jahrzehnte, um sichtbar zu werden, so wie in unserem Land. Ich glaube 1966, jedenfalls in den 1960ern, werden die ersten indigenen Reservate in dieser und in vielen anderen Provinzen geschaffen. Dieser Prozess sollte bekannt sein, denn der Staat fängt an, die Konflikte zu erfassen, selbstverständlich in einem von Kolonialismus und Rassismus verseuchten Maß, aber er kann sie nicht ignorieren und muss handeln. Angesichts dieser Entwicklungen und dem criollo-indigenen Konflikt fängt der Staat in den 60ern an, indigene Reservate zu schaffen. Erst Anfang der 70er wird eines der Grundstücke, die in den Konflikt involviert sind, der unter dem Namen der indigenen Komission Lhaka Honhat bekannt ist, das Grundstück 55, per Dekret zum indigenen Reservat erklärt. Das ist etwas, das beachtet werden muss. Den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte erreicht das im Jahr 1998. Wir müssen bedenken, dass das Grundstück 55 bereits seit den 70ern indigenes Reservat ist. Der Konflikt umfasst die Grundstücke 55 und 14. Gesetzgebungen existieren – das muss anerkannt werden, wir können nicht behaupten, dass die Staaten keine Gesetze geschaffen haben –, aber das Problem ist, dass den Gesetzen nicht Folge geleistet wird. In den 80ern findet ein erstes großes Treffen in Misión La Paz mit 27 indigenen Anführer:innen statt, denen klar wird, dass die stärker werdende Präsenz der Criollos mit ihrer gefräßigen Produktionsweise besorgniserregend ist. Höchst besorgniserregend, denn sie merken, wie ihr Territorium beschädigt wird, wie die harmonische Beziehung, die sie zu Mutter Erde bewahren wollen, zunehmend bedroht ist. Daher geben sie zu verstehen, dass sie in jedem Fall eine Lösung vonseiten des Staates und dass sie auf keinen Fall eine Unterteilung der Grundstücke wollen, da sie das Konzept von Privatbesitz nicht kennen. Das ist wichtig, denn so legen sie es dar. Sie sagen, dass sie in einer Beziehung der harmonischen Abhängigkeit mit der Natur verwurzelt sind und dass sie andererseits das Konzept von Privatbesitz nicht kennen. Genau so: mit Betonung auf dem Wort Konzept. Sie akzeptieren, dass es existiert, aber in ihrer Kultur ist es nicht durchführbar. Der Konflikt besteht aus verschiedenen Momenten, nationale und regionale Regierungen durchlaufen verschiedene Haltungen, das sollten wir im Kopf behalten, denn der Konflikt befindet sich nicht außerhalb der politischen Wandlungen des Landes. Im Jahr 1991 also und mit vielen zurückliegenden Problemen – ihre Chancen an einen Ort zu gelangen, wo sie Gehör finden, werden unterminiert – erreichen sie schlussendlich, dass die Provinzregierung durch das Vorlegen von drei Karten die Lage einschätzt, drei Karten, die sie selbst angefertigt haben und die das Ergebnis einer gemeinsamen Aktion der bedeutendsten Gemeinschaften sind. Das geht mit einer Volkszählung der fünf großen Ethnien Hand in Hand, die zeigt, dass sie den Criollos zahlenmäßig überlegen sind. Aber dann gibt es einen Regierungswechsel. Fünf Tage vor dem Amtsantritt der neuen nationalen Regierung gibt der Gouverneur von Salta höchstpersönlich bekannt, dass er den Gemeinschaften die Grundstücke 55 und 14 überlässt und dass er die Unternehmungen der Criollos unterbinden wird. Dieser Prozess wird gestört, weil der Gouverneur in Opposition zur neuen nationalen Regierung steht. Darauf hinzuweisen ist wichtig, weil so klar wird, dass es verschiedene Haltungen innerhalb der traditionellen Politik gegenüber den unbestreitbaren Forderungen der indigenen Politik gibt. Im Jahr 1992 dann, mit all dem Aufbrausen der Fünfhundertjahrfeier, entsteht die komplexe, solide und multiethnische Organisation Lhaka Honhat, was „unsere Erde“ heißt. Da geht es also nicht nur um die definitive Übertragung dieser beiden Grundstücke als Gemeinschaftseigentum, sondern auch darum, die Produktionsweise anzuprangern, von der die Mutter Erde so ausgeplündert wird, bei der der Markt und das Kapital den Wald ausbluten lassen. Es gibt also nicht nur die Forderung nach den Grundstücken, auch das wahllose Abholzen der Wälder, die Drahtzäune und das Verschwinden der einheimischen Fauna werden angeklagt und all das erreicht die Ohren verschiedener rechtlicher Instanzen. 2012 gibt es eine neue Forderung, die diesmal auf georeferenzierten Karten beruht und bei der Lhaka Honhat von einer Menge nationaler und internationaler Vereinigungen begleitet wird. Es ist also eine grenzenüberschreitende Angelegenheit. Und so fängt IAGMRschließlich an, Antworten zu geben. Die Antworten wurden zu unterschiedlichen Zeitpunkten zwischen 1998 und 2020 gegeben. In diesen 22 Konfliktjahren gab es Momente, in denen sich die Konfliktparteien sozusagen freundschaftlich treffen konnten, das hat die internationale Einrichtung ermöglicht, dennoch hat es 22 Jahre bis zum endgültigen Urteil gedauert. Bereits 2012 hat der IAGMR einen Sachbericht veröffentlicht, der alle vom argentinischen Staat verletzten Rechte aufführt und ihn auffordert, die Rechte der fünf Lhaka Honhat-Pueblos an mehr als 400.000 Hektar Land anzuerkennen. Außerdem gibt sie dem argentinischen Staat zu verstehen, dass er die Abholzung und die Drahtzäune, die das Gebiet durchziehen nicht weiter zulassen darf und fordert ihn auf, die Zäune zu entfernen und auf jede Art von Arbeiten in dem Gebiet zu verzichten. Erinnern wir uns, all das hat seine Anfänge in dem Versuch, eine internationale Brücke zu bauen ohne eine vorherige freie und ausführliche Rücksprache mit den Pueblos. Diese Rücksprache wird vom Übereinkommen 169 der Internationalen Arbeitsorganisation und von vielen nationalen Pakten und Gesetzgebungen von den Regierungen gefordert, und zwar vor jeder Art von Arbeiten oder Projekten, die in den als indigene Territorien anerkannten Gebieten getätigt werden sollen. 

K: Ich denke, es ist wichtig zu ergänzen, dass diese Brücke im Rahmen des Mercosur gebaut werden sollte. 

C: Ja, klar. 

K: Es ist auch sehr symbolisch für das Wirtschaftssystem, auf das du dich beziehst und das diese Territorien noch immer zerstört. 

C: Ja, sehr. Erinnern wir uns, was mitten in der Regierungszeit von Evo Morales passiert ist, lange vor dem Putsch von Áñez: die Straße, die das indigene Territorium, den Nationalpark Isidro Sécure, durchqueren soll. Bekannt als Tipnis-Konflikt: der Kapitalismus setzt sich durch gegen die bereits anerkannten Rechte der Pueblos, denn das Territorium erfährt große Unterstützung von der dann schon Plurinationalen Republik Bolivien. Die Nachbarregierung in Brasilien will eine Straße, die das Territorium durchquert, weil sie einen Zugang zum Pazifik sucht, obwohl den noch nicht einmal Bolivien selbst hat. In unserem Fall ist es das Gleiche. Die internationale Brücke steht im Einklang mit dem hegemonialen Modell, für das sich auch der Mercosur verbürgt, aber vergessen wir nicht, dass das Territorum von Lhaka Honhat die Grenze zu Bolivien und Paraguay umfasst. Die Brücke hat also unser Land mit diesen zwei Nachbarländern verbunden, aber mithilfe eines Strichs durch unser Territorium, der im Einklang mit Markt und Kapital steht. Das Gleiche passiert, wenn wir sagen, dass der Fluss keine Wasserstraße ist, dass er keine Autobahn aus Wasser ist, um von Booten befahren zu werden. Diese Territorien sind Territorien des Lebens und in diesem Rahmen hat Lhaka Honhat sie verteidigt. Auch das müssen wir festhalten, denn momentan befinden wir uns in einem großen Kampf um die Konsolidierung von Gesetzen wie dem 26.160, das Zwangsräumungen verbietet und gleichzeitig alle Gemeinden ermutigt, sich in ein Register einzutragen und einen rechtlichen Status zu erlangen, der es ihnen erlaubt, innerhalb eines bestimmten Rahmens von Möglichkeiten zu handeln und vor Gericht zu ziehen, wenn der Staat sie nicht respektiert. Außerdem haben wir Projekte, einige von indigenen Organisationen wie der Organización de Pueblos Indígenas del Noroeste Argentino (OPINOA), die 2019 mit unserer Unterstützung vor der ADPH, der Permanenten Versammlung für Menschenrechte, ein Projekt präsentiert hat, das für die Gemeinden selbst gedacht ist und im Einklang mit den Rechten der Mutter Erde steht. Unabhängig davon, welches Projekt es wird, das indigene Gemeinschaftseigentumsrecht ist noch nicht verhandelt worden und, soweit wir das unter diesen Umständen vonseiten des Staates sehen können, weit davon entfernt, verkündet zu werden. Und wenn ich von Umständen spreche, beziehe ich mich auf zwei Dinge. Das eine betrifft die Pandemie, von der wir wissen, dass sie den Rhythmus von allem verändert hat, das andere das Wahljahr. In diesem Wahljahr sind die Dinge von bestimmten Themen beinflusst, die die Kandidaten und die Amtsinhaber dazu bringen, auf der Hut zu sein und in jedem einzelnen ihrer Provinzterritorien die Allianzen mit den hegemonialen Kräften aufrechtzuerhalten. Denn wir wissen, dass diese Territorialitäten von den großen, hegemonialen ökonomischen Kräften belagert werden, zusätzlich zu allem, was der rassistische, kolonialistische Blick impliziert. 

K: Claudia, lass uns auf die Textilien des Thañí-Kollektivs in der Ausstellung zurückkommen und den Podcast vielleicht mit einer Annäherung an das abschließen, was die Weberinnen uns über ihre Beziehung zum Fluss Pilcomayo und über die Technologie und die Philosophie ihrer Webstücke zeigen. In der Ausstellungsbroschüre, in der wir Informationen über die llicas finden, ist ein Gedicht von Julio Pietrafaccia abgedruckt: „Der Fluss ist ein Flüstern, das ohne zu Schweigen spricht. Eine Stimme, die eines ums andere Mal ihre Geschichte wiederholt.“ Was für Gefühle und Gedanken löst dieses Gedicht in uns aus? 

C: Wir können uns vorstellen, dass die Textilien, die auf keinen Fall durch einen Blick objektiviert werden dürfen, der sie bloß als Teil einer Ausstellung oder als eines von vielen Objekten in einem Museum wahrnimmt, genauso wie der Fluss, ein ums andere Mal ihre Geschichten wiederholen. Diese Wiederholungen haben auch mit einer fortwährenden Erneuerung der lebendigen Erinnerung zu tun, deren Trägerinnen diese Frauen sind. Aber in diesem Tun, das von einer zirkulären Bewegung begleitet ist, bei der die Hände die eigentlichen Werkzeuge sind und es keine Technologie außerhalb des Körpers gibt, übermitteln sie uns klare Botschaften, die uns dazu bringen sollen, über die Botschaften hinaus zu denken in diesem Raum, den wir mithilfe unserer Begegnungen zu durchqueren versuchen, das ist der Wald und dort ist der Pilcomayo Leben, ist fließendes Wasser, das die Territorien durchquert und die Geschichte des Pueblos weiterträgt. Ich glaube, dass das eines der zentralen Themen ist und der Fluss, der die Erneuerung der Lebenszyklen ermöglicht, fließt auch in den fortlaufenden, kreisförmigen Geflechten der Textilien und Webstücke. Die Schuss- und Kettfäden, die mehr sind als das, was wir sehen, müssen wiedergefunden werden. Es gibt einen soziokulturellen Pfad, der angesichts der von den Wichí-Frauen übernommenen und bewahrten Rolle möglich ist. Das ist anstrengend für uns, denn unser Blick ist kolonialisiert. Auch das Weibliche als Konzept oder Analysekategorie ist kolonialisiert, darauf müssen wir bestehen. Einen Blick erlangen, der von den Ausstellungsstücken in Frage gestellt wird, die viel mehr als das sind. Sie sind Übermittlerinnen von Botschaften und laden uns zugleich dazu ein, von einem anderen Ort aus zu denken. 

K: Danke, Claudia. Vielleicht können wir noch über das Wasserproblem sprechen, denn ich möchte nicht, dass der Eindruck bleibt, dass wir Fluss und Wasser idealisieren, denn du hast mir einige Male von den Kämpfen ums Wasser in diesen Territorien erzählt. 

C: Klar, weil dieser Fluss durch eine hegemoniale Produktionsweise vergegenständlicht worden ist und es heute, trotz allem, was der Pilcomayo dort bedeutet, für die Mehrheit der Gemeinden fast unmöglich ist, Zugang zu sicherem Trinkwasser zu bekommen. Denn nicht nur der Fluss hat sich in eine von Markt und Kapital eingeengte Wasserstraße verwandelt, auch die Territorien sind von einer Produktionsweise heimgesucht worden, die Boden und Wasser verseucht. Das ist wirklich problematisch, wir sprechen hier von einem unveräußerlichen Recht. Der Zugang zu Wasser ist ein grundlegendes Menschenrecht für jede Gemeinschaft. 

K: So ist es. Ich denke, dass wir noch viel länger darüber sprechen könnten, aber im Rahmen dieses Podcasts können wir uns nur einigen Aspekten mit viel Respekt nähern.

C: Ja. Ich denke, dass der Besuch einer Ausstellung wie La escucha y los Vientos möglich macht, in den Stimmen und den von Frauenhänden erschaffenen Gegenständen eine Botschaft zu hören, die insofern wichtig und dringend ist, als sie von Geschichten des Lebens und von einem kulturellen Bestand berichtet, der sich im täglichen Leben auf eine uralte und sehr starke Beziehung zur Mutter Natur gründet. Eine Botschaft, die heutzutage aber gleichzeitig eine Strategie des Widerstandes und des Kampfes ist und von der uns das Radiokollektiv La Voz Indígena berichtet, indem es von Held:innentaten erzählt, die diese Frauen zusammen mit ihren Brüdern und Kindern in den letzten drei Jahrzehnten vollbracht haben und die in der jüngeren Geschichte meines Landes sehr geschätzt werden als Widerstand gegen Abholzung, Plünderung der Territorien und die Auferlegung einer Lebensweise, die sie nicht wollen. 

K: So ist es. In der Ausstellung gibt es eine klingende Landschaft, die bloß einen Bruchteil der Klänge dieser Territorien wiedergibt. Und das Radiokollektiv La Voz Indígena hat eine Auswahl aus Kapiteln oder Sendungen über Erinnerungsworkshops getroffen, die von Frauen eben jenes Radiokollektivs vorangebracht wurden, auf das auch du dich beziehst. 

C: Ja. Ich habe dem aufmerksam zugehört. Ich glaube, das sind sehr klare und überzeugende Stimmen des Widerstandes dieses Pueblos. An einer Stelle taucht die Idee auf, dass der Wald Leben ist, dass der Fluss Leben ist. Das sind keine Banalitäten, da sind politische, kosmogonische und epistemologische Statements in diesen Stimmen verinnerlicht. Sie bringen uns wirklich andere Dinge bei, die wir so nicht in Büchern finden. 

K: So ist es, Claudia. Tausend Dank, dass du da warst. Wir sehen und hören uns ganz bald. 

C: Es ist wie immer eine Freude, mit dir in einen Dialog zu treten und gleichzeitig Überlegungen, Gefühle und Gedanken weitergeben zu können, die uns mobilisieren und die dazu einladen, uns selbst zu dekolonisieren. Denn wir alle stecken inmitten dieser Aufgabe, noch keiner hat sie abgeschlossen, sie ist eine große Herausforderung. Nicht wahr?

K: So ist es, Claudia. Dann verabschieden wir uns für heute.

C: Tschüss, bis bald. 

Past –> Present #1
Podcast-Reihe zum 30. Geburtstag der ifa-Galerie Berlin mit Kathrin Becker, Chto Delat und R&D

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von soundcloud.com zu laden.

Inhalt laden

Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der ifa-Galerie Berlin bringt der Podcast künstlerische und kuratorische Stimmen zusammen, die seit Gründung der Galerie 1991 eng mit ihr in Verbindung stehen.

Ausgewählte Gäste diskutieren mit Sandra Teitge anhand des Galerie-Programmes inhaltliche Schwerpunkte der vergangenen 30 Jahre. Im Gegensatz zu vielen anderen ehemals westdeutschen Kulturinstitutionen fokussierte sich die Galerie schon früh, in den 1990er Jahren, auf die Zusammenarbeit mit ost- und südosteuropäischen Künstler:innen und Kurator:innen. Wie haben sich künstlerische und kuratorische Ansätze und Arbeitsweisen verändert? Wie steht es z.B. um den öffentlichen Raum, der in Ost- und Südosteuropa stärker in die künstlerische Praxis miteinbezogen wurde? Bietet er noch Handlungsspielräume in der Region? Fragen wie diese verbinden den Podcast mit Themen der Gegenwart und geben lokalen Kunst- und Kulturproduzent*innen eine Stimme.

Für die erste Folge von Past –> Present spricht Sandra Teitge mit der Berliner Kuratorin und künstlerischen Leiterin des KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst Kathrin Becker und mit dem in St. Petersburg lebenden Künstler Dmitry Vilensky vom Kollektiv Chto Delat (Was ist zu tun?). Die beiden unterhalten sich über ihre jeweilige Arbeit mit und über das ifa hinaus; begleitet wird ihr Austausch von einem Audiobeitrag des Berliner Musik- & Performance-Duos R&D, das außerdem einen Bonustrack produziert hat, der dieses Gespräch ergänzt.

Konzept: Sandra Teitge

Musik: Kolbeinn Hugi

Tonbearbeitung: Kolbeinn Hugi

Dank: Ev Fischer, Inka Gressel, Wiley Hoard

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von soundcloud.com zu laden.

Inhalt laden

Willkommen zu Past –> Present – anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der ifa-Galerie Berlin.

Ich bin Sandra Teitge, in Berlin geborene und lebende Kuratorin und Forscherin (researcher), und die Moderatorin dieses Podcasts.

Past –> Present bringt künstlerische und kuratorische Positionen zusammen, die mit der ifa-Galerie seit ihrer Gründung 1991 verbunden sind. Ausgehend vom Programm der Galerie werde ich mit einer Gruppe von Gästen über das allgemeine Ethos und die Forschungsinteressen des ifa in den frühen 90er Jahren und heute sprechen. 

Welche Bedeutung haben Kulturinstitutionen, die den künstlerischen und kulturellen Austausch fördern, wie das ifa, damals und heute – vor allem in Zeiten von zunehmendem Nationalismus und kultureller Isolation?

Im Gegensatz zu vielen anderen ehemals westdeutschen Kulturinstitutionen fokussierte sich die Galerie schon früh, in den 1990er Jahren, auf die Zusammenarbeit mit ost- und südosteuropäischen Künstler:innen und Kurator:innen. Wie haben sich künstlerische und kuratorische Ansätze und Arbeitsweisen verändert? Wie steht es z.B. um den öffentlichen Raum, der in Ost- und Südosteuropa stärker in die künstlerische Praxis miteinbezogen wurde? 

Fragen wie diese verbinden den Podcast mit Themen der Gegenwart und geben Kunst- und Kulturproduzent*innen eine Stimme, die irgendwann einmal mit dem ifa verbunden waren.

Für die erste Folge von Past –> Present freue ich mich sehr, die Berliner Kuratorin und künstlerische Leiterin des KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst Kathrin Becker und den in St. Petersburg lebenden Künstler Dmitry Vilensky vom Kollektiv Chto Delat (Was ist zu tun?) begrüßen zu dürfen. Die beiden werden sich über ihre jeweilige Arbeit mit und über das ifa hinaus unterhalten; begleitet wird ihr Austausch von einem Audiobeitrag des Berliner Musik- & Performance-Duos R&D, das außerdem einen Bonustrack produziert hat, der dieses Gespräch ergänzt.

Bevor sie Anfang 2020 zum KINDL – Zentrum für aktuelle Kunst kam, war Kathrin Becker Geschäftsführerin des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.) und Leiterin des dortigen Video-Forums. Seit Anfang der 1990er Jahre organisiert und kuratiert sie verschiedenste Ausstellungen, viele davon entweder in Russland oder mit russischen Künstler:innen in Deutschland und anderswo. Für das ifa kuratierte Kathrin Becker in den 1990er Jahren zwei Ausstellungen, die sich mit Kunst aus Russland beschäftigten: ’95 die Ausstellung „Zeitgenössische Fotografie aus Moskau“ und ’99 die Ausstellung „Neues Moskau. Kunst aus Moskau und St. Petersburg“.

Chto Delat (Was ist zu tun?) wurde 2003 in St. Petersburg von einer Gruppe von Künstler:innen, Kritiker:innen, Philosoph“innen und Schriftsteller:innen mit dem Ziel gegründet, politische Theorie, Kunst und Aktivismus miteinander zu verbinden. Die Ideen der Gruppe wurzeln in der aktiven Teilnahme der Mitglieder an und der Erforschung der aktuellen sozialen und politischen Situation in Russland sowie in Prinzipien der Selbstorganisation und kollektiven Aktion. Im Rahmen des ifa nahm Chto Delat an der Gruppenausstellung „Riots. Slow Cancellation of the Future“ im Jahr 2018 teil, die von Natasha Ginwala kuratiert wurde und Teil der größeren Projekt- und Ausstellungsreihe Untie to Tie ist.

R & D wurde 2018 von Emilia Kurylowicz, einer in Polen geborenen Künstlerin und Filmemacherin, und Maru Mushtrieva, einer in Russland geborenen Schriftstellerin, gegründet. Gemeinsam erforschen sie Stereotypen und Muster, die in ihrer unmittelbaren Umgebung, sowohl real als auch virtuell, zu finden sind, und nutzen diese als Ausgangspunkt für ihre Musik und Performances.

***

ST: Herzlich willkommen. 

Vielen Dank, dass Ihr heute bei diesem Podcast dabei seid.

Lasst uns zu Beginn über Eure jeweiligen Erfahrungen in der Arbeit mit und in der ifa-Galerie Berlin sprechen. Kathrin, möchtest du anfangen?

Wie kam es zu der Zusammenarbeit? Was ist Deine Verbindung zu Russland? Mit wem arbeitetest Du zusammen am ifa?

KB: Ich habe zwei Ausstellungen mit dem ifa gemacht, eine 1995 und die andere 1999/2000 zu der Zeit, als ich als freie Kuratorin in Berlin tätig war. Die erste Ausstellung hieß „Zeitgenössische Fotokunst aus Moskau“ und es waren eine Reihe von Künstler*innen beteiligt, wie Yuri Babich, Gor Chahal, Fenso-Group, Ilya Piganov, Alexei Shulgin, Anatoli Shuravlev, IV. Vysota – kurioserweise zwei Kollektive.

[R & D]

KB: Und wie ist es dazu gekommen? Der ehemalige Direktor des n.b.k., Alexander Tolnay, initiierte diese Reihe, „Zeitgenössische Fotokunst aus“ … und Moskau war die erste Ausstellung innerhalb dieser Ausstellungsreihe, die sich mit der Fotokunstszene verschiedener Länder beschäftigte. Es war eine Zusammenarbeit zwischen dem neuen berliner kunstverein, der Akademie der Künste und dem ifa.

[R & D]

KB: Ich habe mit Barbara Barsch, der ehemaligen Direktorin der ifa-galerie Berlin, und Ev Fischer zusammengearbeitet. Die Idee hinter diesem Projekt war, dass Fotografie oder Fotokunst, fotobasierte Kunst erst in den späten 1980er, frühen 1990er Jahren zu einem echten Gegenstand des öffentlichen Sammelns in russischen Museen wurde. Der Anlass dieser Ausstellung war also, sich mit einem Aspekt der russischen Kunstproduktion zu befassen, der in gewissem Sinne wahrscheinlich übersehen wurde, sogar im Land selbst.

[R & D]

KB: Das andere Projekt hieß ‚Neues Moskau“. Das war die zweite Ausstellung, die ich für das ifa kuratierte. Der Untertitel lautete „Kunst aus Moskau und St. Petersburg“ und die Teilnehmer*innen waren Andrei Chlobystin, Vladislav Mamyshev, Timur Novikov, Inspektion Medizinische Hermeneutik…. eigentlich war es Pavel Pepperstein, der teilnahm, und Yevgeniy Yufit. Für dieses Projekt gingen Barbara Barsch und ich sowie der Künstler Rémy Markowitsch auf eine Forschungsreise nach Moskau. Die Inspiration für dieses Projekt war die Tatsache, dass in der Hauptstadt ein neuer Geist in Sachen öffentlicher Kunst aufkam.

[R & D]

KB: Der georgische Bildhauer Zurab Tsereteli errichtete in enger Verbindung mit dem damaligen Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow alias „Der König von Moskau“ zahlreiche Superdenkmäler in Moskau, die ein neues Kulturverständnis einleiteten, das die früheren sowjetischen Inhalte durch nationalistische und religiöse Tendenzen ersetzte, aber die gleiche monumentale Sprache des 19. Jahrhunderts verwendete…

Es gibt einige berühmte Denkmäler von Zurab Tsereteli in Moskau, wie die Christ-Erlöser-Kathedrale, das Manege-Platz-Ensemble, der Kriegsdenkmal-Komplex auf dem Poklonnaya Gora und nicht zuletzt das Denkmal für Peter den Großen von 1997. Dieses hatte Tsereteli ursprünglich zum 500. Jahrestag der ersten Reise von Christoph Kolumbus 1992 entworfen. Da sich aber kein amerikanischer Kunde für das Denkmal fand, wurde der Kopf durch den Kopf von Peter dem Großen ersetzt.

[R & D]

KB: Das Denkmal war gigantisch. 1000 Tonnen Gewicht; 600 Tonnen Edelstahl und Bronze und Kupfer. Es war für mich sehr kurios, diese Tendenz zu sehen. Barbara Barsch und ich gingen dorthin, um zunächst einmal den Künstler, Zurab Tsereteli, zu interviewen. Wir hatten eine Dokumentation von Tseretelis Denkmälern im Katalog. Aber dann haben wir natürlich auch Werke von Künstler*innen ausgestellt, die sich ironisch mit neuen Tendenzen in der russischen Szene oder Kultur auseinandersetzen. So hieß zum Beispiel eine Zeichnung von Pavel Pepperstein „Denkmal für Jemanden mit sehr langem Haar“ – ein ziemlich direkter Kommentar zu dem, was damals in Moskau aufkam. Und der Titel „Neues Moskau“ bezog sich auf ein berühmtes sozialistisches Gemälde von Juri Pimenow aus dem Jahr 1937, das die Tatsache kommentierte, dass die neuen Denkmäler in Moskau gar nicht so neu waren, ästhetisch und auch in ihrer imperialen Haltung.

[R & D]

KB: Das waren die beiden Projekte, die ich für das ifa organisierte. Vielleicht zeigt das schon, dass ich von einer Zeit spreche, die 20-25 Jahre zurückliegt.

ST: Wenn man auf die Ausstellungen des ifa zurückblickt, war der Ansatz in den frühen 90er oder 90er Jahren ein ganz anderer als heute. Die Gruppenausstellung, an der Chto Delat teilnahm, spiegelt diesen neueren Ansatz wider, würde ich sagen, wo es eher einen thematischen als einen nationalen Ansatz gibt, wie du ihn beschrieben hast, Kathrin, wo es ausschließlich um ein Land ging.

KB: Nun, ja. Aber man muss auch sehen, dass es eine ganz andere Zeit war. In den 1990er Jahren war die Welt viel kleiner als heute. Stellt Euch vor, dass in Europa nicht einmal das Internet weitflächig für viele Menschen verfügbar war. Um eine*n Künstler*in zu finden, zum Beispiel in St. Petersburg oder in Westafrika oder in Australien, musste man dorthin reisen; man brauchte lokale Verbindungen. Es gab keine Möglichkeit, sich Künstler*innenportfolios auf der Website anzuschauen. Und auch nicht so viele, wie zum Beispiel russische Künstler*innen, sprachen zu der Zeit Englisch. Es gab also eine Menge verschiedener Fragen. Stellt Euch vor, die erste Ausstellung, die 50 % westliche Künstler*innen und 50 % nicht-westliche Künstler*innen Schulter an Schulter ausstellte, war Jean-Hubert Martins „Les Magiciens de la Terre“ (Magier der Erde) in Paris im Jahr 1989. –Innerhalb dieser 30 Jahre habe ich selbst auch viele Veränderungen erlebt–. Und dies war der erste Versuch einer Ausstellung, die eurozentristische Sichtweise oder diese Idee der Überlegenheit im Bereich der Künstler*innen und der künstlerischen Darstellung zu untergraben.

[R & D]

KB: Das ifa wurde in einer Zeit gegründet, als transnationale Fragen noch nicht so weit entwickelt waren wie heute. Deshalb hatte es damals natürlich eine andere Agenda. Und eigentlich hatten wir damals alle eine andere Agenda. Und ich denke, diese beiden Ausstellungen, „Riots. Slow Cancellation of the Future“ und „Zeitgenössische Fotokunst aus Moskau,“ unterstreichen diese Entwicklung dieser 20 oder 30 Jahre sehr gut.

ST: Das denke ich auch. Beim ifa gab es einen Wechsel in der Leitung. Barbara Barsch, mit der Du zusammengearbeitet hattest, ging 2016 und Alya Sebti übernahm, die dann wiederum Natasha Ginwala einlud, eine der Ausstellungen in der Reihe Untie to Tie zu kuratieren. Also vielleicht könntest du, Dmitry, ein bisschen über deine Arbeit sprechen, auch als Mitglied eines Kollektivs –du leitest zusammen mit anderen Rosa’s House of Culture (Rosas Kulturhaus)–, sowie über dein Verständnis von Kulturarbeit und kulturellem Austausch. Wie hast Du, neben der Teilnahme an dieser Ausstellung, die Herangehensweise des ifa in Bezug auf Kulturarbeit und -austausch erlebt?

DV: Danke! Nach Kathrins Ausführungen fühle ich mich sehr nostalgisch. Es war eine sehr legendäre Zeit … als man wirklich Kontakt aufnehmen musste … reisen … besonders mit all diesen Online-Aktivitäten im Moment. Ich erinnere mich sehr gut an ifa von meinen ersten Besuchen in Berlin. Ich habe es sehr geschätzt. ifa spielte eine ganz besondere Rolle, wie auch Kathrin erklärte. Viele Dinge, die im lokalen Kontext irgendwie nicht zu realisieren waren, wurden bei ifa realisiert: eine weißrussische Ausstellung, eine ukrainische Ausstellung. Das war sehr interessant. Man kann auch über eine gewisse koloniale Art der Herangehensweise spekulieren, wenn man ein bestimmtes Wissen und eine bestimmte Position herauszieht. Aber gleichzeitig war es aus lokaler Sicht ein gegenseitiger Nutzen.

[R & D]

KB: Absolut, es war vielleicht die einzige Chance, eine bestimmte Art von sehr interessanter Recherche über verschiedene Situationen in Lateinamerika, in Osteuropa, in Afrika… zu sehen, sehr wichtige Installationen und neue Stimmen, die sich später über internationale Kommunikationslinien verbreiten konnten. Und auch die Informationen und das Wissen, das durch diese Ausstellungen gesammelt wurde, kommen durch Kataloge oder Dialoge zwischen den Leuten, die die Eröffnung besuchten, zurück. Die Rolle des ifa war also sehr wichtig für diese speziellen Länder, die ein gewisses Problem mit der Entwicklung einer zeitgenössischen Kunstszene hatten. Unsere Erfahrung war recht begrenzt, aber wir kannten Natasha. Es ist immer ein Vergnügen, an dieser Art von Ausstellungen teilzunehmen. Du erwähntest auch richtig, dass bei ifa eine gewisse Verschiebung von einer nationalen Repräsentation hin zu einer mehr thematischen oder kuratorischen Repräsentation stattfand, [die] viele Stimmen präsentierte, die in der internationalen oder in der Berliner/deutschen Situation nicht sehr präsent waren oder sind.

[R & D]

DV: Ich habe früher in Deutschland gelebt und gearbeitet, als Kurator, Produzent, in Frankfurt und Berlin. Wir, Chto Delat, haben lange Zeit ohne Galerie gearbeitet, aber dann bei KOW Berlin unser Zuhause gefunden, worüber wir sehr glücklich sind und was eine andere Art von Beziehung zur Kunstwelt mit sich bringt. Gleichzeitig ist Berlin eine der wenigen westlichen Städte, die so gut mit dem Osten verbunden ist, mit Russland, mit Polen… Wien [ist] mehr mit dem Balkan verbunden, aber Berlin definitiv mehr mit dem Norden. Und es gibt ein historisches Wissen und eine Expertise, wie Kathrin, die perfekt Russisch spricht und viel reist. Viele Leute pendeln zwischen Moskau und Berlin oder St. Petersburg und Berlin oder Kaliningrad – was auch immer. Berlin ist ein super wichtiger Ort. Und gleichzeitig, würde ich sagen, sind wir wegen dieses historischen Wissens vielleicht auch am meisten in Deutschland ausgestellt. Das [Publikum in Deutschland] versteht wirklich, wer wir sind, weil dieser Übersetzungsprozess manchmal sehr schwierig ist. Eigentlich war das ifa in diesem Zusammenhang immer sehr interessant, weil es immer ein Verfahren der Übersetzung war.

ST: Es war auch eine der ganz wenigen westdeutschen Institutionen, die sich nach dem Zusammenbruch der Systeme 1989/90 mit dem ehemaligen Osten beschäftigt haben. Das war damals auch recht ungewöhnlich. Ich wollte auch fragen, Kathrin, wie Dein Interesse an Russland zustande kam. Du sprichst ja offensichtlich Russisch fließend, wie auch Dmitry erwähnte.

KB: Das ist eine ganz banale Geschichte. Ich bin in Hagen aufgewachsen, im Westen des Ruhrgebiets oder in der Nähe davon. Es gab eine Schule, die Französisch oder Russisch als dritte Fremdsprache nach Englisch und Latein anbot. Ich habe mich als Jugendliche für Russisch in der Schule entschieden. Es gab immer diese Vorstellung vom russischen Feind und dem bösen Iwan, der einmarschierte … und so weiter. Ich wollte die Sprache kennen und ich wollte der Hegemonie der Vereinigten Staaten entkommen, oder was auch immer für eine Idee ich als Teenagerin hatte.

[R & D]

KB: Ich studierte dann in Bochum Kunstgeschichte und slawische Sprachen. Da gab es Karl Eimermacher und Georg Witte, die sehr wichtig waren. Sie arbeiteten beide am Slawischen Institut und führten mich in die so genannte Inoffizielle Russische oder Sowjetische Kunst ein. Sie haben mich auch sehr früh, Mitte der 1980er Jahre, in den Moskauer Konzeptualismus eingeführt. Das war der Beginn. Und dann ging ich 1989 mit einem Stipendium des daad nach Russland, um meinen Master über den Sowjetischen Sozialistischen Realismus vorzubereiten. Ich sollte eigentlich zehn Monate bleiben, aber die Zeiten waren so spannend, dass ich zwei Jahre blieb. Dieser Aufenthalt in Russland und die Verbindungen, die ich dort hatte, sowie das große Interesse, das damals an russischer Gegenwartskunst von Seiten westlicher Museen und so weiter bestand, waren mein Türöffner für eine kuratorische Karriere. Einige Jahre lang habe ich im Austausch zwischen Russland und Europa, Russland und Deutschland und auch den Vereinigten Staaten gearbeitet. Heute habe ich einen etwas anderen Blick auf diese Zeit, wenn ich sehe, dass dieses Interesse an der russischen Kunstszene ein [bewusster] Schritt der auswärtigen Kulturpolitik des Westens war. Ich sehe heute, dass russische Künstler*innen höchstwahrscheinlich instrumentalisiert wurden, um die letzten Schlachten des Kalten Krieges zu überstehen oder um eine Entscheidung zu treffen.

[R & D]

KB: Ich denke, dass Chto Delat (Was zu tun ist) eine Ausnahme von der Regel darstellen. Sie arbeiten in Berlin und in Deutschland und auch im internationalen –westlichen– Kunstsystem. Berlin beansprucht immer, diese Brücke zwischen Ost und West zu sein und so weiter. Aber wenn man sich jetzt die Berliner Kunstszene anschaut, haben russische Künstler*innen mit Ausnahme von Chto Delat sehr wenig Fußabdrücke auf dieser Landkarte hinterlassen. Viele Künstler*innen leben hier, wenn wir an Vadim Zakharov, Dmitry Vrubel oder AES+F oder… denken, sie alle leben hier, aber sie hinterlassen fast keine Spuren in der institutionellen Kunst- oder Galerienszene. Das spricht dafür, dass das Interesse an russischer Kunst nach dem Ende des Kalten Krieges gegen Null tendierte.

[R & D]

KB: Ich glaube, das ist immer noch der Fall. Wenn man sich Blockbuster-Ausstellungen wie die Biennale in Venedig oder die documenta anschaut, habe ich immer noch das Gefühl, dass Russland und Osteuropa stark unterschätzt werden.

ST: Könntest Du darauf antworten, Dmitry?

DV: Ja, das ist eine sehr bittere, aber gleichzeitig auch eine richtige Bemerkung. Ich stimme dem vollkommen zu. Aber gleichzeitig denke ich, dass es auch das Problem der Entwicklung der russischen Öffentlichkeit und des demokratischen Raums war, die nicht in der Lage waren, ihre eigenen Institutionen zu schaffen. Die zeitgenössische Kunst bleibt unglaublich marginalisiert und kriminalisiert. Und gerade jetzt, im Mai 2021, würde ich sagen, dass die Situation die schlimmste ist, an die ich mich je erinnern kann. Sie ist sehr fragil. Es begann im Dezember zu eskalieren, nachdem Navalny aus Deutschland nach Russland zurückgekehrt war, und dann begann alles sofort zu kollabieren. 

[R & D]

DV: Ohne starke lokale Institutionen kann man sich kaum beteiligen. Gleichzeitig kann man sich innerhalb dieser repressiven Blase auch kaum weiterentwickeln. Es gibt nicht viele Möglichkeiten, eine künstlerische Sprache zu entwickeln, die herausfordernd wäre und Aufmerksamkeit erregen würde. In unserem Fall war das ganz anders. Wir sind explizit international, weil wir diese Sprache kennen, aber gleichzeitig schaffen wir es, aus unserer Tradition heraus ernsthafte Kunst zu machen.

[R & D]

DV: Vielleicht weil wir alle bestimmte Erfahrungen haben – ich spreche jetzt als Teil des Kollektivs Chto Delat. Die meisten unserer Mitglieder haben ernsthafte Erfahrungen mit dem Leben und Arbeiten im Westen, haben sich aber bewusst dafür entschieden, unsere [und ihre] Arbeit in Russland fortzusetzen. Diese Position eines*r Vermittlers*in und Übersetzers*in, nicht nur von der westlichen Warte, sondern ins Russische und umgekehrt, ist wirklich noch sehr spannend.

ST: Hast D das Gefühl, dass Institutionen wie das ifa, die den kulturellen Austausch organisieren, immer noch so wichtig sind wie in den frühen 1990er Jahren? Oder sind Initiativen wie das von Dir mitorganisierte Rosa’s House of Culture (Rosas Kulturhaus), die sich auf das Lokale konzentrieren, in einem Klima wie diesem möglicherweise effizienter?

DV: Das hängt davon ab, was Du „effizient“ nennst. Ich mag dieses Wort nicht. Was wir hier [in St. Petersburg] machen, ist eine sehr lokale Arbeit, die gemacht werden muss. Leider müsste sie in einem viel größeren Maßstab getan werden. Gleichzeitig werden die Menschen gerade jetzt sensibler, wer spricht, für und mit wem – die Bedingungen der Beteiligung, diese Art von ethischer Wende ist sehr wichtig. Ich stimme auch mit Dir überein, mit dem, was Du sagtest, dass das ifa seine Politik ändern muss, weil man diesen rein repräsentativen [Ansatz] nicht einfach weiterführen kann. Gleichzeitig würde ich es aber auch nicht untergraben, denn für viele Menschen ist diese Expertise von außen [wichtig] – wie Benjamin immer sagte, dass man, um etwas zu verstehen, Abstand [davon] nehmen muss. Aber wer schafft diese Distanz? Wie ist sie strukturiert? Wer profitiert davon?

[R & D]

DV: Was Kathrin sagte, dass sie rückblickend verstanden hat, wie die Kunst in den Beziehungen nach dem Kalten Krieg instrumentalisiert wurde… Jetzt haben wir einen neuen Kalten Krieg. Und auf welcher Seite stehst Du? Wir sind ja offen Dissident*innen. Kathrin versteht mich ganz gut, denke ich. Wenn ich über die aktuelle Situation nachdenke, denke ich, dass wir dramatisch zu diesem Zustand der Dissident*innenproduktion zurückkehren. Und dissidente Produktion war immer irgendwie sehr marginal und lokal und hat gleichzeitig international einen Wert. Sie war die einzige Quelle, um weiterhin gewisse Ressourcen und Sichtbarkeit zu haben. Gleichzeitig ist die Situation nicht mehr so wie in den 1980er Jahren. Wir haben Institutionen, neue wie Garage oder VAC. Sie machen ernsthafte Arbeit und gehören zu den mächtigsten Institutionen international. Aber es sind nur sehr wenige. Und sie haben auch eine gewisse Einschränkung, denn im Moment ist die Selbstzensur unglaublich hoch. Jeder weiß, worüber man reden darf und worüber nicht. Und die Spielregeln ändern sich alle zwei Wochen. Die Leute haben Angst, wie es weitergehen soll, weil Geschäft und Macht in Russland miteinander verflochten sind, so dass man nicht unglaublich unabhängig sein kann. Die meisten Oligarchen, Privatunternehmen, sind absolut abhängig von den [politischen] Bedingungen, um zu überleben.

[R & D]

DV: Früher, nach 2014 zum Beispiel, gab es haufenweise ukrainische Ausstellungen. Wo sind sie jetzt? Im Moment liegt der Fokus absolut außerhalb des Ostens. Es geht um das Dekoloniale, das Postkoloniale, was absolut legitim ist. Aber gleichzeitig würde ich von einer Welt träumen, die auf gleichberechtigteren Formen von Partnerschaften und Ressourcen aufbaut.

ST: Dem stimme ich voll und ganz zu, Dmitry. Vielen Dank, Kathrin. Vielen Dank, Dmitry, dass Ihr Eure Gedanken und Erinnerungen an das ifa mit uns geteilt habt. Dies scheint ein guter Moment zu sein, um dieses Gespräch zu beenden, da uns auch die Zeit davonläuft. Ich bin sehr dankbar, dass ich das Vergnügen hatte, mit Euch beiden zu sprechen… und ich hoffe, dass die Zuhörer*innen dieses Gespräch genauso genossen haben wie ich. Wie im Intro erwähnt, hören Sie sich bitte auch den Bonustrack zu dieser Folge an, produziert von R&D, deren Song „Bendable“ dieses Gespräch begleitete. 

Bitte bleiben Sie auch dran für die zwei weitere Episoden in dieser Serie Past –> Present, die wir derzeit planen, im frühen und späten Herbst dieses Jahres auszustrahlen. Bis dahin, genießen Sie den Sommer… und ich hoffe, Sie in ein paar Monaten hier wieder zu treffen.

Radio Comunitaria La Voz Indigena
Colaboradio Sendung

Das Gemeinschaftsradio La Voz Indígena ist ein indigener Radiosender im Norden Argentiniens, der von Frauen geleitet wird. Er ist das Ergebnis eines langen und komplexen gemeinschaftlichen wie interkulturellen Prozesses. In seinem Verlauf haben sich Sprecher*innen verschiedener Pueblos Originarios im Norden der Provinz Salta, im Grenzgebiet mit Paraguay und Bolivien, zusammengeschlossen. Seit Anfang 2000 ist das Radio auf Sendung und gibt ihren Stimmen und Sprachen Raum, berichtet von ihren Problematiken und singt ihre Lieder. Sie stellen sich in der ersten Person vor, um ihre Geschichte der Kämpfe und der Mobilisierung ihrer Rechte selbst zu erzählen. 

Die Stimmen, die in dieser Auswahl zu hören sind vergegenwärtigen Klänge aus dem Monte, dem Waldland des Gran Chaco – ihrem Lebensraum–, um ihre Kosmovisionen, Lieder und Erzählungen kennenzulernen. Sie vermitteln auch die kollektiven Schmerzen, die Klagen ihrer Ahnen, die durch die sogenannte Conquista ermordet wurden und die Sehnsucht nach dem verlorenen und usurpierten Waldland. 

Jede Botschaft manifestiert die Schmerzen und auch den Widerstand und die Hoffnung eines Zusammenschlusses von Gemeinschaften, die im Wort ihre Ausdrucksform gefunden haben, um ihre Existenz publik machen, den Ungerechtigkeiten zu widerstehen und sich als kollektive Subjekte neu zu erfinden. 

Die Folgen der sogenannten Conquista sind in ihren Körpern und Geschichten vergegenwärtigt und diese historische und aktuelle Beziehung der einzelnen Gemeinschaften des Gran Chaco – des Lebens angesichts der Tötens und der Gegenwart – schreibt sich in einem Prozess des kollektiven Nachdenkens und Tuns ein, der in diese akustischen Stücke eingeht. 

Diese Botschaften, die wir teilen sind lebendige Erinnerungen von Personen und Gemeinschaften, die sich durch Radio-Kommunikation den kapitalistischen, patriarchalen, kolonialen, heteronormierten Angriffen stellen und wieder lebendig werden –  in Stimmen und Liedern, in denen sich Personen, Naturwesen und Geister vereinen. 

Claudia Andrea Gotta und Karen Michelsen Castañón reflektieren über „La Escucha oder die Winde“ #1

Die Historiker:in, Lehrer:in und Aktivist:in Claudia Andrea Gotta und die Künstlerin Karen Michelsen Castañón besprechen Aspekte der Ausstellung, die im Zusammenhang mit den Geschichten und dem Widerstand der an der Ausstellung beteiligten Kollektive stehen.

K: Willkommen zum Podcast, in dem wir gemeinsam über die Ausstellung La escucha y los Vientos in der ifa-Galerie in Berlin sprechen. Heute sind wir auf Einladung der Kuratorinnen dieses Gemeinschaftsprojekts, Inka Gressel und Andrea Fernández, hier. Mein Name ist Karen Michelsen Castañón, ich bin Künstlerin und Kulturarbeiterin in Berlin. Innerhalb des hier vorherrschenden strukturellen Rassismus, werde ich in Deutschland als eine Person of Color gesehen, während ich in Abya Yala eine weiße Mestizin bin. Claudia, 1000 Dank, dass du dabei bist.

C: Hallo zusammen. Mein Name ist Claudia Andrea Gotta, ich bin Argentinier:in, Erzieher:in, Lehrer:in, Historiker:in, Umwelterzieher:in und Aktivist:in auf dem Gebiet der Menschenrechte und speziell für die Rechte indigener Pueblos. Zurzeit bin ich neben meiner Tätigkeit an der Universität auch die nationale Sekretär:in der Ständigen Versammlung für Menschenrechte und trete für die Einhaltung der Rechte der indigenen Pueblos in meinem Land ein.

K: Danke, Claudia. Ich wollte euch kurz erzählen, wie wir uns kennengelernt haben, denn nun ja, ich bin in Berlin und Du bist in Rosario. Ich hatte das Vergnügen – und die Ehre – Dich 2019 in Rosario zu treffen, als ich Dich für das audiovisuelle Projekt No más poemas para Colón interviewte. In diesem Projekt erzählen die interviewten Personen, wie der Mythos der sogenannten ‚Entdeckung‘ von Abya Yala in ihrem jeweils eigenen territorialen und historischen Kontext konstruiert ist und wie das mit der Realität kontrastiert, in der sie leben. Was ich interessant fand, als wir uns zu Beginn dieses Podcasts unterhielten, war, dass sowohl Deutschland als auch Argentinien narrativ immer noch als homogen weiße Nationalstaaten konstruiert und wahrgenommen werden. Die Geschichte der Pueblos, die vor diesen Nationalstaaten existierten und nach wie vor existieren, wird in diesem Narrativ vermieden, und deshalb ist die Ausstellung La escucha y los Vientos so interessant, weil Gruppen von Vertreter:innen unterschiedlicher Pueblos teilnehmen und uns durch ihre Werke auf ihr Leben, ihren Widerstand und ihre Kämpfe aufmerksam machen – in diesem speziellen Fall aus dem Gebiet, das Gran Chaco genannt wird.

C: Diese Ausstellung ist durch die Beiträge einer Reihe von kollektiven Initiativen möglich geworden, unter denen wir das Radio La Voz Indígena erwähnen möchten. 

K: Die ethnische Erinnerungswerkstatt der indigenen Organisation Aretede.

C: Die Textilien, die Botschaften des Kollektivs Thañí / Viene del monte von Frauen aus Wichí-Gemeinden enthalten, das wiederum Teil des Vereins Lhaka Honhat/Nuestra Tierra ist.

K: Es werden auch Textilien der Wichí-Gemeinden, insbesonders der La Puntana-Gemeinschaften gezeigt. 

C: Und die Keramikarbeiten der Chané Tutiatí Orembiapo Maepora-Gemeinschaft und vieler, vieler weiterer Menschen. In der Tat, Karen, haben unzählige Menschen, die man unmöglich alle einzeln nennen kann, mit diesem Kollektiv zusammengearbeitet und diese Ausstellung möglich gemacht.

K: Das stimmt Claudia. Die Zuhörer:innen können auf die ifa-Galerie-Seite der Ausstellung gehen. Es gibt auch Broschüren, und in jeder Broschüre sind alle Mitwirkenden mit ihrem jeweiligen individuellen oder gemeinschaftlichen Beitrag zur Ausstellung aufgeführt. Dieser erste Podcast beginnt somit mit einer Frage für Dich: Welche historischen Aspekte sollte man deiner Meinung nach hervorheben, um die Kämpfe der an dieser Ausstellung beteiligten Kollektive zu unterstützen? 

C: Man könnte sagen, dass diese Gemeinschaften, die in ihren anzestralen Territorien Opfer von Invasionen geworden sind, die in die Enge getrieben und/oder enteignet worden sind, in diesem Wortspiel eine Form des Widerstands erfahren, des Wider-stehens, um weiter zu bestehen. Dies lädt uns dazu ein, auf andere Formen des in der Gemeinschaft entstehenden Wissens wieder zuzugreifen. Ihre Auffassung des Landes, das sie in einigen Fällen seit jeher bewohnen, oder in das sie durch das aggressive Vordringen des Marktes und des Kapitals in ihre ursprünglichen Territorien verlagert wurden, zeigt uns einen Ansatz in der Welt zu sein, wo es durch das Kollektiv erst möglich wird, weiter zu kämpfen und nach eigenen Überzeugungen und dem eigenen spezifischen Verständnis vom Leben zu handeln. Wir müssen diese andere Weise, das Leben in Übereinstimmung mit der Vielfalt und Verschiedenheit des Lebens in den besagten Territorien zurückgewinnen. In dieser Ausstellung erlauben uns diese materiellen Träger, die Botschaften übermitteln, den Wald zeigen, die Lagune, die Tiere, so viele Geschichten, die auf wunderbare Weise in die Textilien eingewoben sind, und die von den Frauen der Region Gran Chaco stammen, die kontinuierlichen Wiederaufarbeitung der eigenen Geschichte zu sehen, die in die Gegenwart übersetzt wird, um viele Aspekte zu retten, die andere Werte, eine andere Ethik bilden, ausgehend vom Leben und für das Leben eintretend. Ein Gefüge, in dem Frauen eine wirklich zentrale Rolle einnehmen und das uns dazu einlädt, den Feminismus zu dekolonisieren. Die Frauen des Gran Chaco zeigen uns, wie sie Bewahrerinnen und gleichzeitig Schöpferinnen ihrer eigenen Kultur sind. Der Feminismus von Abya Yala lädt uns ein zu erkennen, dass Feminismus dekolonial sein muss, sonst existiert er nicht oder ist hohl, denn oft setzen wir im Widerstand auf Konzepte, die in sich selbst schon kolonisiert sind. So präsentiert diese Ausstellung in gewisser Weise dem Publikum, das sie hoffentlich bald persönlich, und falls nicht, in digitaler Form besuchen kann, wie eine andere Art, den Raum zu bewohnen, eine andere Vorstellung vom Leben, in diesen ‚kulturellen Artefakten‘, als welche sie der hegemoniale Blick definiert, sichtbar wird. In Wirklichkeit sind es bedeutsame Objekte, die auch konkrete Funktionen im täglichen Leben übernehmen, die aber den Fokus der Debatten und Überlegungen auf die Frage richten, wie eine Vision der Welt durch diese Textilien und Keramiken spricht, die wir nicht nur anerkennen sollten, sondern von der es auch gilt zu lernen. Weil es dringend notwendig ist, dass eine neue Art der Beziehung zueinander in der menschlichen Gemeinschaft, die uns alle betrifft, auf verschiedenen Ebenen und im Einklang mit anderen Schöpfungen des Lebens aufgebaut wird. 

K: Ja, danke Claudia. Ich denke, dass es klar ist, dass sich die Geschichte des Gran Chaco nicht in ein paar Minuten zusammenfassen lässt, aber vielleicht kannst Du uns ein paar Ansatzpunkte nennen, um die Invasionprozesse zu verstehen, die ab dem 19. Jahrhundert ablaufen und hier nicht bekannt sind, um eine historische Perspektive zu schaffen. 

C: Ja, natürlich, danke, ich denke, das ist eine notwendige Information, obwohl ich sie in diesem Kontext etwas zusammenfassen sollte. Der Gran Chaco, den wir heute in unserem Land so bezeichnen, war einst ein viel ausgedehnteres Gebiet, das heute Teile anderer Länder wie Brasilien, Bolivien und Paraguay mit umfasst. Ein Gran Chaco als Bühne, auf welcher der Wald, der Dschungel, über Jahrtausende hinweg Lebensformen hervorbrachten, über die wir natürlich sehr, sehr wenig wissen, weil der Gran Chaco aus dem hegemonialen Blick heraus als die andere große Wüste wahrgenommen wurde und nach wie vor wahrgenommen wird. Es ist eine Vorstellung von Leere, die den beiden großen Gebieten aufgezwungen wurde, welche der argentinische Nationalstaat schließlich in das, was später als das Staatsgebiet definiert wurde, nachträglich eingliedern konnte. Ein Prozess, der Ende des 15. Jahrhunderts für Abya Yala begann, und der hier im letzten Viertel des 19. Jhdt. erst anfing, mit der Festlegung von zwei großen Gebieten, eines im Süden, Patagonien genannt, und dem Chaco für Argentinien. Diese Gebiete wurden irrtümlicherweise, aber nicht ohne Hintergedanken als Wüsten bezeichnet. Denn die Wüste baut sich ja narrativ vom Nichts ausgehend auf, als eine Negation anderer Bedeutungen oder Vorstellungen. Dies ist der Blick der vorherrschenden Klasse, der Landoligarchie, die auf die noch unter indigener Kontrolle stehenden Gebiete vordringen wollte, um ihr ‚zivilisatorisches Projekt‘ zu vollenden. Nein, der Begriff der Wüste ist widersprüchlich, denn eine Wüste wird nicht erobert, sie wird besetzt, wenn es wirklich eine Wüste ist. Tatsächlich aber war keines dieser Gebiete eine Wüste, im Gegenteil, sie waren und sind der Obstgarten eines kulturell unterschiedlichen und vielfältigen Lebens im Vergleich zu dem, was dieser argentinische Nationalstaat allen aufzwingen wollte, mit dieser Vision, auf die Du am Anfang Bezug genommen hast: monokulturell, einsprachig und natürlich durchgehend weiß. Deshalb hat der Staat im Laufe dieser mehr als zwei Jahrhunderte, ja fast zweieinhalb Jahrhunderte andauernden Geschichte, ein künstliches Konstrukt über diese Gebiete aufgebaut, das überhaupt keine Ähnlichkeit zu dem aufweist, was in ihnen schon immer erzeugt wurde und weiterhin erzeugt wird. Diese anderen Perspektiven, diese anderen Lebensweisen und Formen der Kulturzeugnisse und natürlich auch die anderen Auffassungen der Natur, des Lebens und damit auch dessen, was gelernt wird, gelernt werden sollte, diese Bewahrung des Wissens, die, wie wir schon sagten, die Wichí-, Chané-, Mocoví-, Qom-Frauen in den Mittelpunkt stellt, repräsentiert eine sehr breite kulturelle und sprachliche Vielfalt. Diese Gebiete haben eine große Biodiversität und eine reiche kulturelle Vielfalt, aber in der hegemonialen Sichtweise werden sie durch die Linse des Kolonialismus als Orte gesehen, an denen Armut herrscht. Das hat wiederum unsere Sichtweise auf andere Territorien, auf andere Brüder und Schwestern, geprägt und beeinträchtigt. Das Anderssein wird somit auch als etwas begriffen, das überwunden werden muss. Diese Vorstellung von Armut ist irreführend, denn es sind keine armen Bevölkerungsgruppen, es handelt sich vielmehr um verarmte Gemeinschaften: Sie sind durch diesen hegemonialen, ungezügelten Kapitalismus, den wir in den letzten Jahrzehnten erlebt haben, und der in diese Gebiete vorstößt, in die Armut getrieben worden. Darüber werden wir dann in den nächsten Folgen sprechen, aus einer anderen Perspektive heraus. Das ist wichtig und ich danke Dir, dass Du mich dazu eingeladen hast. So können wir den Blick auf diese Gebiete wagen, auf diese anderen Arten, die Welt zu bewohnen – und dabei natürlich auch die anderen Botschaften wahrnehmen, die sich in jenen Schöpfungen wiederfinden, auf die wir zuvor bereits Bezug nahmen, die Textilien, die Keramik und selbstverständlich auch die Stimmen derer, die im argentinischen Gran Chaco leben. Sie übermitteln andere Botschaften, die wir nicht nur wahrnehmen sollten, sondern die wir wiedergewinnen und irgendwann auch verinnerlichen müssen, denn, wie ich schon sagte: Wir brauchen sie. 

K: Damit verabschieden wir uns für den Moment und hoffen, dass wir uns bald wieder treffen, um andere Aspekte der Ausstellung zu vertiefen. Danke, Claudia. 

C: Nun, ja, dank‘ Dir und bis bald.

Übersetzung: Alexander Schmitt

Ecologies of Listening #4

Interview mit Andrea Fernández & Inka Gressel aus dem Studio von ColaBoraDio

Die Kuratorin Andrea Fernández und die Leiterin der ifa-Galerie Berlin Inka Gressel erzählen vom Entstehungsprozess der Ausstellung La Escucha oder die Winde. Berichte und Spuren aus dem Gran Chaco, die das Zuhören als eine dringliche, notwendige Haltung für eine dekoloniale Ausstellungspraxis in den Vordergrund stellt. Das an der Ausstellung beteiligte Radiokollektiv „Radio Comunitaria La Voz Indigena“ aus Tartagal, Argentinien, hat speziell für diese Sendung eine eigene Playlist zusammengestellt. Schließlich lädt Archivmaterial aus den drei Listening Sessions zum Nach- und Weiterhören ein.

Ecologies of Listening untersucht das Zuhören als eine Praxis des aktiven In-Beziehung-Tretens zu unserer Umwelt. Wie kann eine verkörperte Praxis des Zuhörens neue Beziehungsweisen ermöglichen – zu uns selbst, zu unserer Umwelt und zu anderen Lebensweisen? Auf welchen Kanälen ‚sendet’ die Natur? Und welche Rolle spielt das Zuhören beim Komponieren? Mit Experimenten, Sound Walks und Versuchsanordnungen aus Radiokunst, Komposition und somatischer Praxis luden drei Listening Sessions dazu ein, den Hörsinn auf die Probe zu stellen.

Kuratiert von Annika Niemann & Rosanna Lovell

Ecologies of Listening #3
Embodied Listening

Ökologie beschreibt die Beziehungen eines Organismus zu seiner Umwelt. Eine Ökologie des Zuhörens könnte entsprechend danach fragen, wie bewusstes Zuhören unser Verhältnis zur Umwelt beeinflussen kann. Welche Ökologien des Zuhörens gibt es und wie können wir uns durch sie neu miteinander und mit unserer Umwelt verbinden? In der dritten Listening Session konzentrieren wir uns auf das Zuhören als physische Praxis und untersuchen mit somatischen Übungen wie der Körper und die Sinne beeinflussen, wie und was wir hören. In Resonanz mit dem Radiokollektiv „Radio Comunitaria La Voz Indigena“ (Tartagal, Argentinien) gehen wir der Frage nach, inwiefern eine verkörperte Praxis des Zuhörens neue Beziehungsweisen ermöglicht – zu uns selbst, zu unserer Umwelt und zu anderen Lebensweisen.

Mit Rosanna Lovell.
Gast: Ela Spalding, https://elaspalding.com/

In Kooperation mit: ColaBoraDio/ Freies Radio-Berlin Brandenburg

Ecologies of Listening #1
Expanding Radio

Die Veranstaltungsreihe Ecologies of Listening untersucht das Zuhören als eine Praxis des aktiven In-Beziehung-Tretens zu unserer Umwelt. Mit Experimenten, Erfahrungen, Sound Walks und Versuchsanordnungen aus Radiokunst, Komposition und somatischer Praxis laden drei Listening Sessions an unterschiedlichen Orten der Stadt dazu ein, den Hörsinn auf die Probe zu stellen und das aktive Zuhören zu üben. Kuratiert von Annika Niemann und Rosanna Lovell.

Welche Töne, Informationen und Lautperspektiven senden und empfangen wir? Und auf welchen Kanälen ‚sendet’ die Natur? Die erste Listening Session stellt Hör- und Sendepraktiken der Radiokunst in den Mittelpunkt und bringt sie in Resonanz mit einem versteckten grünen Ort in Berlin-Mitte: mit Hörimpulsen, Übungen und einem Klangspaziergang durch das Gelände der Gartenarbeitsschule Wedding.
Menschen, die ihre Sinne neu entdecken möchten, Bildungsarbeiter*innen und Schüler*innen sind herzlich eingeladen, neue, künstlerische Methoden zu erproben und in Bezug auf die eigene Professions- und Lebenspraxis zu reflektieren.

Mit Rosanna Lovell.
Gast: Kate Donovan
In Kooperation mit: ColaBoraDio/ Freies Radio-Berlin Brandenburg

Zitate:

Hildegard Westerkamp, „The Soundscape on Radio.“, 1994.

Anna Friz, „Everyone a Listener“, 2018.

SunBorn Lullabies and Battle Cries von Memory Biwa
ITERATION # LISTENING

https://soundcloud.com/europeannomadicbiennial/sunborn-lullabies-and-battle-cries-by-memory-biwa

Historikerin Memory Biwa kombiniert Erinnerung, Akustik und die hinter Archiven stehende Theorie. Ihr Stück, welches als akustische Prozession rezipiert wird, beinhaltet ein Wiegenlied, gesungen in der Morgendämmerung, Schlachtrufe, Sprechgesänge, Ululation, Bogenspiel und Landschaften. Es verfolgt Narrative kolonialer Gewalt und Re-Inszenierungen des Widerstandes in Namibia. Die Spuren werden aus akustischen, schneidertechnischen und performativen Praktiken gezogen, welche Vorstellungen von Subjektivität prägen und alternative Epistemologien und Bilderwelten wieder ins Zentrum rücken.

Das Stück wurde in Ko-Produktion mit Robert `Chi` Machiri erstellt.

Die Tonaufnahmen stammen von:

Elder Jarimbovandu Alex Kaputu (Ceremonial Chief Priest of the Holy Fire, and Lieutenant General of the Red Flag),  Ovaherero and Nama delegation (including Genocide Committees), Human remains viewing/ceremony at Charite University Hospital, Berlin, September 2011, recording by Larissa Foerster

Elders Lena Venter, and Fritz //Hamaseb, Okahandja, central Namibia,1954, Ernst and Ruth Dammann Sound Collection, Basler Afrika Bibliographien, Basel.

Swimming pool waterfall at Spa, Klein-Windhoek (a place of early settlement near hot springs), Windhoek, August 2020, recording by Memory Biwa