Was bedeutet es, in einer Zeit zerbrochener Geografien und umkämpfter Geschichten, ein Heimatland zu lieben? Ist Heimat ein Ort der Sehnsucht oder eine Last der Geschichte? Die neu in Auftrag gegebenen Werke von Anita Muçolli und Sevil Tunaboylu sowie frühere Arbeiten von Ian Waelder erkunden in dieser Ausstellung die Widersprüche der Zugehörigkeit zu einem Ort, wo Liebe mit Entfremdung verwoben ist und Verbundenheit mit Kritik zusammenstößt. Indem sie sich mit Exil, Widerstand und fließenden Identitäten auseinandersetzen, hinterfragen die Künstler:innen die Bedeutung von Heimat – nicht als festen Ort, sondern als ein sich wandelndes Terrain von Politik und Emotionen. 

Ihre Werke reflektieren die Auswirkungen der Migration auf die persönliche und kollektive Identität, die Spannungen zwischen der Verkörperung des kulturellen Erbes und der Assimilation sowie die emotionalen Spuren der Vertreibung. Ausgehend von zufälligen Begegnungen und in ständigem Austausch entfalten die beteiligten Künstler:innen Erzählungen, die spezifisch für die Erfahrungen von Migrant:innen der zweiten und dritten Generation sind, die sowohl das Trauma als auch die Nostalgie für die Heimat ihrer Familien geerbt haben. 

Der Titel der Ausstellung geht auf Oxana Timofeevas Text How to Love a Homeland zurück, auf den ich fast zufällig stieß, der mich aber unmittelbar berührte und überwältigte. Ähnlich wie die in dieser Ausstellung versammelten Arbeiten wirkten Timofeevas Worte in mir nach – als Frage und als Begleiter. Die Gespräche mit den Künstler:innen verliefen ähnlich: persönlich und geprägt von einer geerbten Komplexität. 

Sevil Tunaboylu reflektiert über die Migration ihrer Familie von Skopje in die Türkei, die Arbeit ihres Großvaters als Tischler und die bis heute andauernde Zusammenarbeit mit ihrem Vater. Ihre Arbeit stützt sich auf Archivmaterial und mündliche Überlieferungen, die sie auf einer Forschungsreise nach Skopje gesammelt hat. Das Projekt reicht zeitlich bis in die 1950er Jahre zurück und vereint Fragmente von vererbten Erinnerungen, unausgesprochenen Geschichten und Bildern von Türen aus ihrer Kindheit. So entsteht eine Konstellation von Objekten, die sich nicht nur mit Migration und Handwerkskunst, sondern auch mit Geistern, Unruhe und dem Akt des Lebens auseinandersetzen. 

In ihrer Arbeit verschwimmt die Grenze zwischen Objekt und Bild. Tunaboylu versucht nicht, ihr Zuhause wirklichkeitsgetreu nachzubilden, sondern reflektiert, wie es zugleich erinnert und zerlegt wird, und untersucht, wie Erinnerungen sich an Dinge heften.  

Mit dem Thema der Zwischenräume beschäftigt sich auch die neu in Auftrag gegebene Installation von Anita Muçolli. Im Zentrum stehen die emotionalen und bürokratischen Hürden und Grenzen der Migration ihrer Familie aus dem Kosovo in die Schweiz Anfang der 1990er Jahre. Ausgehend von persönlichen Geschichten, Familienfotos und bürokratischen Dokumenten untersucht sie, wie das soziale Ökosystem mit seinen vertrauten Codes von Migrant:innen für ein bürokratisches System, das auf Statistiken basiert, unverständlich bleibt. Sie fragt: Was bedeutete es für ihre Eltern, nicht als Gäste, sondern als Menschen ohne Papiere in einem Land zu leben? Ihre Arbeiten machen diese Fragen greifbar und schaffen eine zeitliche Zone des Aushaltens und der Unlesbarkeit. Dadurch stellte ihre Arbeit die Frage, wie der Körper sich an das erinnert, was das System vergisst.  

Dieser Einschreibung von Erinnerung in den Körper – als Spur oder vererbte Sensibilität –  begegnet man auch in der Arbeit von Ian Waelder, der sich mit familiärer Migration und den physischen Überresten der Geschichte auseinandersetzt. In seiner Klanginstallation FRIEDRICH (2020) arbeitet Waelder posthum mit seinem Großvater zusammen, einem deutsch-jüdischen Pianisten, der während der NS-Diktatur ins Exil nach Chile floh. Die Platte bringt sowohl Verlust als auch Kontinuität zu Gehör: Klang als lebendiges Archiv, Improvisation als Form des Überlebens. Waelders Forschung beginnt oft mit Objekten. Der Opel Olympia, der früher seinem Großvater gehörte und verkauft wurde, um das Exil finanzieren zu können, wird zum Vehikel für die Spurensuche nach intergenerationellem Trauma und Vertreibung. Diese Geschichte wird in der Ausstellung skulptural: zu sehen ist eine Gipsreproduktion des Olympia, die in Zusammenarbeit mit seinem Vater, dem Bildhauer Juan Waelder, entstanden ist. Die Zerbrechlichkeit des Autos verweist dabei auf die Schwierigkeit, Verlorenes zu rekonstruieren. Als Kontrapunkt fungiert die Schwarz-Weiß-Fotografie einer Monstera-Pflanze, die den Eltern des Künstlers am Tag seiner Geburt geschenkt wurde, noch immer gedeiht und zu einem lebendigen Archiv wird, einer botanischen Erinnerung inmitten von Geschichte aus Metall.  

Die Arbeiten der Ausstellung erzählen davon, dass Heimat weder vererbt noch bewusst gewählt wird, sondern aus Fragmenten von Erinnerung, Gesten, ungelösten Gefühlen und unbeantworteten Fragen rund um Übergangszustände konstruiert wird. Durch Türen, Fotografien, Dokumente, Autos, und Klanglandschaften zeigen die Künstler:innen, dass Verbundenheit nicht trotz, sondern gerade wegen der Entwurzelung entsteht. Heimat wird hier als ein Prozess sichtbar, der in ständiger Bewegung ist. Mit den Worten von Timoveefa: „All jener staatlichen Grenzen zum Trotz, die uns, folgt man dem Protokoll, an ein bestimmtes Territorium heften, sollte die Liebe zur Heimat eine freie Liebe sein, eine, die so beschaffen wäre, dass jedes Mal, wenn man an einen neuen, unbekannten Ort zurückkehrte, ein jeder von uns sagen könnte: Da komme ich her.“ [1] 

Kuratorin: Hana Halilaj 

[1] Oxana Timofeeva, Heimat. Eine Gebrauchsanweisung, S. 78. 

Die Ausstellung wird im Rahmen der Berlin Art Week 2025 eröffnet. 

© Victoria Tomaschko