Buchpräsentation und Filmvorführung mit Sonia D’Alto und Marea Art Project.

Le Nemesiache: Reclaiming Mythological Rituals (Le Nemesiache: Eine Wideraneignung mythologischer Rituale) kuratiert von Sonia D’Alto, ist die erste Monografie, die der neapolitanischen feministischen, pazifistischen und künstlerischen Gruppe Le Nemesiache gewidmet ist. Gegründet 1970 von der Philosophin, Schriftstellerin und multidisziplinären Künstlerin Lina Mangiacapre, verkörperte Le Nemesiache eine experimentelle künstlerische Praxis und eine Art und Weise, in der Welt zu sein, die in Feminismus, Mythologie, Volkserzählungen, Science-Fiction und radikaler Imagination verwurzelt ist. Das Ergebnis ist eine Praxis, die tief im Lokalen verankert ist, und die Proteste sowie die Besetzung von Gebäuden einschließt – eine Form des Feminismus, die, ausgehend von den Genealogien Süditaliens, Solidarität unter Unterdrückten in unterschiedlichen Kontexten fördert.

Veröffentlicht von Mousse Publishing und in Zusammenarbeit mit dem Marea Art Project produziert, sowie unterstützt vom Italian Council (13. Ausgabe), ist das Buch das Ergebnis der Forschung von Sonia D’Alto und ihrer langjährigen Arbeit im Archiv von Lina Mangiacapre und mit Mitgliedern des Kollektivs.

Der zweisprachige Band (Italienisch und Englisch) versammelt bisher unveröffentlichte Dokumente, Fotografien und Plakate, sowie Bilder, die frühe und intime Momente der Gruppe zeigen und so den prozessualen und kollektiven Charakter ihrer Arbeit hervorheben.

Die Archivmaterialien werden begleitet von historischen, theoretischen, kreativen und politischen Beiträgen, die von der Autorin Sonia D’Alto in Auftrag gegeben und verfasst wurden – gemeinsam mit Chiara Bottici, Federica Bueti, Cairo Clarke, Arnisa Zeqo, Giulia Damiani, Giusi Palomba, Elvira Vannini und Giovanna Zapperi.

Eine kommentierte Chronologie und eine Auswahl archivarischer Fragmente verweben sich mit zeitgenössischen Reflexionen, die von Umweltbewusstsein und Spiritualität bis zur historischen Rekonstruktion feministischer Solidaritätsnetzwerke reichen, von transformativer Gerechtigkeit bis zu queeren (Kunst-)Theorien und dabei auch die Süditalienfrage vom italienischen Kontext bis zum Mittelmeerraum behandeln.

Bei der Buchpräsentation in der ifa-Galerie Berlin werden das Marea Art Project sowie die Autorin Sonia D’Alto anwesend sein und den Prozess der Zusammenarbeit mit den Beitragenden nachzeichnen. Anahnd einer Auswahl von Archivbildern aus dem Projekt geben sie Einblicke in bedeutende Momente der langen Geschichte des Kollektivs.

Daneben werden experimentelle Super-8-Filme von Le Nemesiache aus den 1970er-Jahren zu sehen sein– selten gezeigte Dokumente ihres gemeinschaftlichen, feministischen Ansatzes zum Kino.

In den 1970er-Jahren schufen Lina Mangiacapre und die neapolitanische Frauengruppe Le Nemesiache Super-8-Kurzfilme und erkundeten dabei nicht nur Formen des kollaborativen Kinos, sondern auch die Ausweitung der feministischen Praxis des „consciousness-raising“ (Bewusstseinsbildung) in den öffentlichen Raum sowie die Verwendung von Mythologie, um das Kino als kollektives Ritual und als Form des „expanded cinema“ (erweitertes Kino) neu zu erfinden.

Das Projekt wurde dank der Unterstützung des Italian Council Programme (2024) ermöglicht, das von der Generaldirektion für zeitgenössische Kreativität des italienischen Kulturministeriums gefördert wird.

Filmprogramm

Antistrip, 1976

Video-Still, Super 8, in Farbe, Ton, 20’
Regie: Lina Mangiacapre/Nemesi, Musik und Performance von Le Nemesiache, produziert von  Coop. Le Tre Ghinee/Nemesiache

Antistrip spielt in einem intimen Setting: dem Zuhause von Lina Mangiacapre in Posillipo (Neapel). Hier inszenieren Le Nemesiache ein Drag– und Burlesque-Kabarett, spielen mit Identitäten, Verkleidungen und Striptease, begleitet von einem klanglichen Pastiche, das Flying Lesbians, Patty Pravo, neapolitanische Lieder und iranische Melodien miteinander verwebt. Die Atmosphäre, zwischen Mythos und Auflehnung schwebend, kulminiert in Linas Performance am Klavier: eine Geste der Befreiung, in der sich der Körper in Musik und Raum auflöst. Das Spiel wird so zum Schlüssel für eine neue Harmonie, in der Verschiedenheit Ausdruck findet, soziale und sexuelle Rollen abgelegt, die Geschlechterdualität überwunden und kollektive Freude und Wünsche geteilt werden können.

Autocoscienza [Bewusstseinsbildung], 1976

Video-Still, Super 8, Farbe, Ton, 15’
Regie: Lina Mangiacapre/Nemesi mit Teresa Mangiacapra/Niobe und Bruna Felletti/Karma

Kurzfilm von Lina Mangiacapre/Nemesi, gemeinsam mit Niobe und Karma realisiert und als one-take, ohne Schnitt gedreht. Die Kamera wird zu einem dritten Auge – dem Auge von Parthenope, der mythischen Sirene – und fängt Niobes psycho-fabelhafte Tänze und Gesten zwischen den antiken Tempeln von Paestum ein. Sie offenbart „eine Frau, die ihr eigenes Territorium beanspruchen will: Welt, Himmel, Meer, Sonne, Mond; ihr Kinoterritorim als Bild ihrer selbst. Die Welt auch mit ihren Augen und Händen zur Welt zu bringen, eine Welt des Lebens.“

Die Kamera bewegt sich durch die symbolischen Orte der Erfahrung von Le Nemesiache: Paestum während des von ihnen organisierten feministischen Treffens 1976; den Golf von Neapel und den Vesuv; die Innenräume von Linas Zuhause in Posillipo; die Fumarolen der Phlegräischen Felder.  

Biografien

Sonia D’Alto 

Sonia D’Alto ist Forscherin, Kuratorin, Autorin und gelegentlich Herausgeberin. Derzeit ist sie praxisbasierte Doktorandin an der HFBK Hamburg und lehrt im Fachbereich Curatorial Studies an der Royal Academy of Fine Arts in Gent (KASK). Sie hat mit zahlreichen Künstlerresidenzen, Kunstinstitutionen und akademischen Programmen in ganz Europa zusammengearbeitet und war Teil verschiedener Kollektive.

Ihre Forschung beschäftigt sich mit süditalienischen Feminismen, öko-feministischen Ästhetiken sowie trans*feministischen kuratorischen Praktiken und erstreckt sich auf die Erinnerungen und Genealogien des Südens, auf Mikrogeschichten und subalterne Kosmologien. Durch kuratorische Projekte, die Film, Performance und Archivmaterialien einbeziehen, untersucht sie die Beziehungen zwischen Aberglauben und Moderne, Volksnarrativen und hegemonialer Macht.

Ihre Texte sind in Publikationen wie e-flux journal, NERO, Flash Art, Mousse und Critique d’Art erschienen. Kürzlich hat sie ein Buch für Archive Books herausgegeben, und ein demnächst erscheinender Band, der gemeinsam mit ihrem Forschungskollektiv entsteht, widmet sich den Mythologien Süditaliens.

Marea Art Project

Marea Art Project ist ein internationales Forschungs- und Künstlerresidenzprogramm, das 2021 an der Amalfiküste von der Kunsthistorikerin Imma Tralli und dem Kulturmanager Roberto Pontecorvo gegründet wurde. Es wurde in Dialog mit Stefano Collicelli Cagol, dem Direktor des Centro per l’Arte Contemporanea, Luigi Pecci in Prato, und in Zusammenarbeit mit Carol LeWitt, der Vorsitzenden des Verwaltungsrats der Yale University Art Gallery, entwickelt.

Das Projekt verfolgt das Ziel, die Perspektiven auf die Mittelmeerregion zu erweitern, sodass sie sich, anstelle eines Ortes des temporären Konsums, wieder zu einem Schauplatz des Experimentierens, für Forschung und zeitgenössische künstlerische Produktion entwickeln kann.