Mit Andrea Acosta, Joseph Beuys, Anne Duk Hee Jordan und Sara Ouhaddou

Kuratiert von Susanne Weiß & Inka Gressel

Anlässlich seines 100. Geburtstags zeigt die ifa-Galerie Berlin Zeichnungen von Joseph Beuys aus dem ifa-Kunstbestand im Dialog mit den Künstlerinnen Andrea Acosta, Anne Duk Hee Jordan und Sara Ouhaddou. Ihre Positionen vereint das Interesse an dem übersehenen, vergrabenen, tradierten, oftmals kollektiven Wissen. 

Gleicht die Prophezeiung einer Deutung, einer Erinnerung, einer Skizze oder einem schemenhaften Bild? Wovon berichtet sie? Eröffnet sie Denk- und Handlungsräume? Fragen wie diese bilden den Ausgangspunkt der Ausstellung Aufzeichnung einer Seherin. Der Titel ist der gleichnamigen Zeichnung von Joseph Beuys aus dem Jahre 1958 entnommen. 

Ausgehend von der Beziehung zu gefundenen Materialien werden ökologische und ökonomische Fragestellungen beleuchtet. Mit humorvollen, sozialen und poetischen Gesten initiieren die Künstler*innen mitunter Prozesse, die nachhaltig in die Gesellschaft wirken. Die Ausstellung verbindet die Stimmen der vier Künstler*innen zu einem räumlichen und mentalen Kosmos. Sie berichten von den ästhetischen und sozialen Verschiebungen unserer Gegenwart, mit all den Potentialen und den sich daraus ergebenen Verhandlungen.  

Andrea Acosta zeichnet im Raum mit gefundenen Naturgegenständen. Aus einem kleinen Detail, einer taktilen Erfahrung entstehen fragile Installationen, zu denen Zeichnungen und Fotografien genauso wie Skulpturen gehören. Gleich einer Feldforscherin sammelt sie Zweige, Blätter, Wurzeln und andere Naturstücke in urbanen Räumen und verbindet sie zu neuen Konstellation. In ihrer Installation Assisted Forest verleiht sie mit Hilfe von ‚Prothesen‘ abgebrochenen Ästen ein zweites Leben. Kann die Summe der Teile wieder ein Ganzes ergeben? Mit ihrem künstlerischen Handeln spinnt sie ein Netz aus technischen und organischen Elementen, das erkundet, was im Urbanen gegen-, neben- und miteinander möglich ist.


Joseph Beuys‚ zeichnerisches Werk spiegelt unmittelbar die Verbindung vom Gedanken zum Körper im Raum wider. Hier fand er ein Experimentierfeld für materielle und immaterielle Zusammenhänge, bildete seine plastischen Denkformen und seinen offenen Werkbegriff aus. Es entstanden Entwürfe voller Bewegung, ein Wiederholen, ein empathisches Sehen; der Kern für sein künstlerisches und politisches Handeln: „lch kann nur sagen, wenn ich diese vielen Zeichnungen nicht gemacht hätte, hätte ich auch die politische Arbeit nicht machen können.“ * Der Einfluss von Beuys als Künstler, Erzähler, Lehrer und Handelnder ist nicht wegzudenken. Er stiftete an, bewegte, initiierte, beunruhigte, provozierte und transformierte, war konsequent. *(zit.n. Zitiert nach: Götz Adriani, „Über Joseph Beuys“, Ausstellungskatalog des ifa, Joseph Beuys (Drawings – Objects – Prints), 2. Aufl., Stuttgart 2002)


Anne Duk Hee Jordan begibt sich in den Dialog mit den Dingen: ob beseelt, belebt, bearbeitet oder bedrängt. Wie ein Trickster verhandelt sie Motive der Verwandlung und des Vergehens immersiv und schelmisch. In ihren Zeichnungen befreit sie Zeit und Raum von ihren statischen Komponenten und entwirft farbintensive Gegenerzählungen, die neue Perspektiven auf historische Mythen der Weltensammler bieten oder die ökologischen Auswirkungen im Meer und an Land zeigen. Wie die queeren und exotischen Meeresbewohner, die sich angesichts des globalen Klimawandels verändern und mutieren. Als Mechanikerin verwandelt sie Steine und Fossilien in Maschinen: Ihre kinetischen Skulpturen gleichen Modellen, die die Eigenschaften, Geschichte, Ökologie und das Leben von Materialien rhythmisch erklingen lassen.


Sara Ouhaddou überträgt übersehene kulturelle Realitäten und Wissensspeicher in neue Muster, Alphabete und Erzählungen. Für ihre Arbeit aus der Serie Woven/Unwoven verwendet sie aussortierte Kautschukplanen als Untergrund für neue Designs. Stickereien, die einmal edle Gewänder zierten, werden im kollektiven Schaffensprozess von jungen Frauen in Tétouan transformiert und in einen neuen Kreislauf eingespeist. „Al Kalima“ bedeutet „Wörter“ auf Arabisch: Die Serie von Zeichnungen sind einerseits Vorstudien für das vom Aussterben bedrohte Glasmacher-Handwerk in Marrakesch, andererseits erinnern sie an Kalligrafien, die in ihrer Abstraktion neue Sprachen und deren Universen öffnen.